Kraftmeier und andere Typen


Bloggerin: Frau Frogg


Die Menschen gehen unterschiedlich mit Krankheiten, Behinderungen und anderen Zumutungen um. Eine Psychologin würde hier wahrscheinlich einen lustigen Fragebogen hinstellen und dann circa sechs verschiedene Grundtypen herausarbeiten. Ich bin eine blutige Amateurpsychologin und schöpfe nur aus meiner Lebenserfahrung – wobei ich vor allem mich selbst beobachtet habe – und natürlich viele andere. Ich unterscheide zwischen drei Grundtypen:

► Frau Jammeri: Achtung, diese Bezeichnung ist polemisch – Frau Jammeri will nicht jammern. Sie will sich einfach mitteilen. Sie will ihre Lebenslage im Gespräch analysieren – so, wie man die Auswirkungen eines totalen Netzausfalls im Büro analysiert, oder bescheuerte Männer, oder das Problem mit der richtigen Lippenstiftfarbe. Frau Jammeri will von ihren Freunden verstanden (nicht bemitleidet!) werden. Sie findet im Gespräch Vertrautheit mit der Gesprächspartnerin und den richtigen Umgang mit ihrem Problem. Leider geht der Schuss oft hinten hinaus – gewisse Zumutungen des Lebens sind nur schwer mitteilbar, gewisse Freunde nicht so freundlich, wie man es gerne hätte. Von vielen wird Frau Jammeri als Jammeri wahrgenommen.

► Herr Kraftmeier: Achtung, Kraftmeier sind nicht immer Männer. Aber häufig. Sie reden ihre Probleme gleich selber klein. Keine Vorrichtungen für Rollstuhlfahrer an einer Treppe? Kein Problem – der Sportler kämpft sich auf dem Hosenboden hinauf und macht dazu  dumme Witze. Kraftmeier brauchen keine fremde Hilfe. Das ist sicher gut fürs Ego. Aber mir sind solche Leute suspekt. Ich frage mich immer, ob die nicht merken, dass gewisse Dinge zum menschlichen Leben gehören.


► Herr und Frau Sonnenschein: Sie reden eigentlich immer vom Wetter – sogar wenn man sie sehr ernsthaft fragt, wie es ihnen geht. Oder von den freundlichen Nachbarn, die letzte Woche auf Besuch waren. Oder von den letzten Ferien in … wo schon wieder? Es geht ihnen immer gut, und auch wenn man sie näher kennt, reden sie vom Wetter. Sie wissen, dass man seine Mitmenschen nicht mit seinen Knieschmerzen belästigt oder mit seiner Schwerhörigkeit. Das kann sehr charmant sein. Auf die Dauer ist es etwas langweilig.
                  
Auch ohne Fragebogen weiss ich: Ich gehöre eindeutig zu den Jammeris. Und das ist ok so. Ich will am Leben meiner Freunde Anteil haben – und umgekehrt. Sie sollen wissen, dass ich Gehörprobleme habe. Ich kenne aber die Schwächen des Jammeritums. Für gewisse Leute habe ich das Sonnenschein-Repetoire ganz gut drauf. Oder konzentriere mich auf’s Zuhören.

Soweit so gut. Aber seit einem Monat habe ich ein neues Problem: heftige Schwindelanfälle. Typisches Menière-Symptom. Manche Menière-Patienten macht dieses Schwindelzeugs fast wahnsinnig. Mich nicht. Ich gehe weiter zur Arbeit. Ich kann mich doch jetzt nicht hängen lassen – es gibt zu erleben! Manchmal muss ich mich halt ein bisschen am Schreibtisch festhalten, damit ich nicht vom Stuhl falle. Manchmal muss ich blitzschnell zum Motilium greifen, damit ich nicht kotze. Ich habe mir für unterwegs einen neuen, breitbeinigen Gang antrainiert. Ich sehe lieber aus wie ein verirrter Westernheld als wie eine Besoffene.

Neulich hatte ich einen heftigen Anfall beim Mittagessen mit drei Kolleginnen. Ich liess mir nichts anmerken. Aber nach dem Essen konnte ich nicht aufstehen. Eine musste mich am Arm nehmen und an meinen Schreibtisch zurückführen. Eine Stunde später konnte ich wieder gehen, tänzelte an ihrem Schreibtisch vorbei und machte einen dummen Spruch. Erst später wurde ich nachdenklich. «Bin ich jetzt unter die Kraftmeier gegangen?», fragte ich mich. Und: Ist das gut? Oder sollte ich das vielleicht anders angehen?
 
 
 
03. April 2016 Selbst erlebt 2
Kommentar
frau frogg
Liebe Karin, besser spät als nie, sage ich jeweils - und nach Monaten erblicke ich hier Deinen Kommentar! Tut mir leid, dass ich erst jetzt antworte, und, nein - leider gibt es noch keinen Fragebogen. Aber Deine Frage soll mir Anlass sein, einen zu entwickeln - falls Du jemanden weisst, der professionelle Hilfe leisten kann: unbedingt melden
24.07.2016 15:14:25

Karin
Liebe Frau Frogg, ich lese ihre Texte so gerne und freue mich jedes mal wenn ich wieder etwas neues von Ihnen hier finde. Ich mag ihren Witz und ihre Tiefgründigkeit. Zu diesem Text hätte ich eine ganz eigennützige Frage.
Haben Sie bereits den Fragebogen samt Punkteliste entwickelt, damit ich feststellen kann zu welchem Grundtyp ich gehöre? Herzliche Grüße
20.04.2016 09:53:14

 
 
 
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