Abenteuer-Ferien zu Dritt


Bloggerin: Frau Frogg


Der Irrtum, Ferien seien erholsam, ist weit verbreitet. Nur selten gesteht eine Zeitschrift: Ferien können krank machen (zum Beispiel hier). Es ist doch so: Ferien sind ein Mega-Stress. Und: Ferien können die Liebe zwischen zwei Menschen auf eine harte Probe stellen.

Na gut, früher habe ich das auch nicht so gesehen. Früher bin ich mit meinem Mann zu Fuss bei 30 Grad über entlegene griechische Inseln gestreift; früher kurvten wir im Mietauto durchs Mississippi-Delta und verirrten uns dabei auch mal in den Slums von New Orleans; früher trug uns ein Nachtbus die ganze anatolische Westküste hoch bis nach Istanbul – bei all dem stritten wir gelegentlich, hatten auch mal Angst oder waren völlig erschöpft. Doch am Schluss waren wir ein glücklicheres Paar und stellten uns dem Alltag zu Hause mit neuer Kraft.

Doch seit ein paar Jahren macht Herr Menière seltsame Sache mit mir, sobald ich mich ungewohnten Strapazen aussetze. Zuerst versagte nur mein Gehör. Aber das war schlimm genug. Ich meine:  Wer will am Meer sitzen, wenn es nach drei Flugstunden nicht mehr rauscht und donnert, sondern nur noch gurgelt und chirbscht? Und wenn man zu Hause bleiben und hören könnte? Wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir gar nicht mehr verreist. Aber das war für Herrn T. unvorstellbar. Es lief alles auf ein einfaches Dilemma heraus: Reisen und Risiken eingehen oder hören, aber ohne Mann. Wir fanden Kompromisse: Wir einigten uns auf kürzere Reisedistanzen, auf weniger anspruchsvolle Abenteuer.

So landeten wir wieder einmal im Tessin. Wir wohnten in Orselina und hatten ein Buch mit Genusswanderungen dabei. Ein Kuraufenthalt, würde man meinen. Doch mein fiesester Reisebegleiter, Herr Menière, liess sich etwas besonders Perfides einfallen. Er erwischte mich kalt bei einem langen Tagesausflug nach Bosco Gurin. Wir waren eben auf den Wanderweg Richtung Grossalp eingebogen, als er mir aus dem Hinterhalt einen kräftigen Schubs versetzte – ein Schwindelanfall. Nein, nicht einfach ein bisschen Schwindel. Einer, der einem den Boden unter den Füssen wegreisst.  (Nicht umsonst ist bei diesen Anfällen im Internet oft von Attacken die Rede.) Jetzt hätte ich eine Kurpromenade gebraucht, und den Arm von Herrn T. zum Festhalten. Aber Bosco Gurin hat keine Kurpromenade. Ich riss mich zusammen und trieb mich den nun sachte schaukelnden Wurzelweg hoch. Bis ein Bergbach kam. Es war ein normaler Bach, eineinhalb Meter breit. Vielleicht führte er ein bisschen viel Wasser. Ein paar Steine ragten halbherzig aus den tiefsten Stellen. Ein weiterer Schubs von Herrn Menière und… – ich sah mich schon ins munter chirbschende Schmelzwasser stürzen. Ich refüsierte.

Jetzt bloss nicht reinfallen.

Diesmal gab es keine Schulter zum Anlehnen. Es gab eine unschöne Szene. Herr T. benahm sie wie ein Pfadiführer mit einer meuternden Schar. Ich dachte: «Warum, verdammt nochmal, versteht er mich nicht?!» Es gab später noch ein paar solche Szenen. Herr T. wollte genusswandern. Über mich legte sich eine bleierne Müdigkeit, die ich früher nicht gekannt habe. Herr Menière’s Schatten? Das Alter? Die Hitze? Ich weiss es nicht. Ich rang mit mir, mit Herrn T., mit Herrn M., mit mir, mit dem Leben als solches. Das war mein Ferienabenteuer. Ich streifte durchs Maggia-Delta und zehrte von meiner Erinnerung an den Mississippi. Gott sei Dank war ich dort, als ich das noch konnte! 

Und Gott sei Dank wurde es gegen Ende unserer Ferien selbst Herrn T. zu heiss zum Genusswandern. Wir lagen in der Badi von Locarno und genossen das glasklare Wasser. Herr T. fragte in diesem bedeutungsschwangeren, leicht gereizten Ton: «Ist alles gut, Frau Frogg?» Ich sagte: «Ja, alles gut.»


PS: Aber Bosco Gurin ist einen Ausflug wert.  


 



02. August 2015 Album 2
Kommentar
frau frogg
Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Karin! Ja, Orselina ist ein schöner Name - und ein ebenso schöner Ort übrigens! Es tut der gelegentlich etwas übellaunigen Frau Frogg gut, daran erinnert zu werden, dass schon kleine Dinge wie ein solcher Name Freude machen können. Und es macht Freude zu wissen, dass meine Geschichten andere zum Erinnern anregen!
02.09.2015 10:42:14

Karin
Orselina, was für ein hübscher Name. In mir rief der Name sofort eine Geschichte, vermischt mit Erlebtem wach, ein Abenteuer voller Sinnlichkeit und Hingabe, vielleicht mit einer heimlichen Geliebten... Deine Blogeinträge gefallen mir, vielen Dank dafür.
05.08.2015 13:07:19

 
 
 
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