Wie ist es eigentlich...?


Bloggerin: Frau Frogg


«Wie ist es eigentlich, gut zu hören?», hat einmal jemand in unserer Schwerhörigen-Gesprächsgruppe gefragt. Die meisten TeilnehmerInnen hören seit ihrer Kindheit schlecht. Ja, wie ist das? Vor ein paar Jahren hörte ich noch gut. Die Selbstverständlichkeit und die Klangfülle von damals erlebe ich heute nur noch in den  lebhaften Träumen der Morgendämmerung. Was Wunder, dass ich so gerne ausschlafe! In diesen Träumen habe ich es wieder, das simple, ahnungslose Selbstbewusstsein eines Menschen mit gutem Gehör. Diese Lebensfülle. Diese komplexen Geräuschkulissen – der Abend in der Gartenbeiz, lebhafte Gespräche, Gläserklirren, Kinderstimmen der ferne Sound eines Open Airs. Wenn ich etwas nicht verstand, fragte ich nach. Es war ja  nicht meine Schuld.

«Was man  besass, weiss man, wenn mans verlor», schreibt Erich Kästner. Recht hat er. Wenn man das Gehör verliert, verliert man eine geradezu lachhaft selbstverständliche Beziehung zur Welt. Bei mir ging zuerst das Surren der Kühlschränke verloren, die Klangfülle von Klospülungen, selbst Lastwagen husteten dünn und dämlich. Ich bekam jedesmal Panik, wenn das passierte. «Das ist doch gut!», sagt der Hörende. «Wozu soll man Lastwagenlärm hören?!»

Nein, es war nicht gut. Solche Geräusche sind unser zu Hause auf dieser Welt. Sie zu verlieren fühlte sich an wie ertrinken – deshalb die Panik. Ich ertrank manchmal täglich, manchmal mehrmals  die Woche, Hörschwankungen gehören zur Menière’schen Krankheit. Ich bin hart im Nehmen. Ich gewöhnte mich daran.

Dann gingen die Stimmen der Menschen. Ich hatte Mühe, Gesprächen zu folgen. Nun war es garantiert meine Schuld, wenn ich etwas nicht verstand. Sollte ich nachfragen? Würde ich da nicht zur Gesprächsbremse? Die ganze Last für ein gelingendes Gespräch lastete plötzlich auf meinen Schultern. «Man versucht es immer wieder – und macht oft die Erfahrung, dass es einfach nicht geht», sagte neulich eine Bekannte von mir.

Im Juli sass ich abends mit einem alten Freund im Park. Die Sonne färbte die Bergflanken rot. Ein seltsames Knäckern und Tschirkeln drang an meine Hörgeräte. Das ferne Open Air. Früher hätte ich dieses Ambiente geliebt. Jetzt störte mich das Nebengeräusch beim Gespräch. «Wie ist das eigentlich, … ich meine: Wie ist das eigentlich?» fragte mein alter Freund. Er kannte mich, als ich noch gut hörte. Er meinte wohl: «Wie ist das eigentlich, nicht gut zu hören?» Ich sagte ihm das erste, was mir einfiel. «Viele Male am Tag denke ich: ‘Das ist jetzt lästig. Da musst Du jetzt einfach durch.‘»

Dieses Gefühl, belästigt zu werden, ist ein Grundgefühl meiner Existenz geworden.

Ich frage mich nur manchmal, wie ich diesen gereizten, leicht belästigten Gesichtsausdruck wieder wegbringe, den ich jetzt oft habe.
 
 
31. August 2015 Selbst erlebt 0
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