Der Wurm im Ohr


Bloggerin: Frau Frogg


«Schwerhörigkeit geht häufig mit sozialem Rückzug einher.» Solche Sätze liest man da und dort – manchmal schwingt ein leise abwertender Unterton mit, etwas im Sinne von: «Wenn sich diese faulen Schwerhörigen nur ein bisschen zusammennehmen und mehr unter die Leute gehen würden! Dann würden sie schneller mit ihrer Schwerhörigkeit umgehen lernen und hätten mehr Kontakte.» Ja, so wohlmeinend sind die Hörenden.

Deshalb sage ich es hier einmal möglichst allgemeinverständlich: Diesen Rückzug  treten wir Schwerhörigen oft mit guten Gründen an – und schämen uns nachher trotzdem noch dafür. Ich kann nicht für alle Schwerhörigen reden, aber mir passieren oft Episoden wie diese: Ich gehe am Mittag voller guter Absichten in unsere Betriebskantine. Ich will mich wieder mal mit Kollegen an einen Tisch setzen. Ist doch egal, wenn ich nicht alles verstehe, denke ich. Ich werde irgendwie zurechtkommen. Und dann stehe ich da mit meinem Teller Salat in der Hand, einem wasserfallartigen Tinnitus  und schrecklich verzerrtem Kantinenlärm im Ohr. Irgendetwas in mir sagt „grmpfl“, und schon haste ich fluchtartig in mein kleines Büro. Dort esse ich meinen Salat dann alleine. Lange Zeit hielt ich mich spätestens nach dem Essen selber für eine entsetzliche Trantüte.

Bis ich in einem klugen Buch Worte für dieses merkwürdige «grmpfl»-Gefühl fand. Es ist von der Psychologin Maja Storch und heisst «Machen Sie doch, was sie wollen». Sie macht uns darin mit dem Würmli bekannt: dem Urtier in uns, dem Überlebens-Instinkt, der uns innert Millisekunden Signale gibt – allerdings zunächst ohne Worte, aber ungefähr im Sinn von: «Jaaa!» oder «grmpfl». Man solle auf das Würmli hören, sagt Storch. Es zu oft zu ignorieren, mache krank. Also wartete ich, bis das Würmli etwas Richtiges zu meinen Kantinen-Fluchten sagen konnte. Es sagte: «Wenn du da so stehst mit dem Wasserfall in den Ohren, dann weiss ich sofort: Da drin kannst du in einer lockeren sozialen Interaktion gar nicht bestehen. Das wird nur beschämend und peinlich – und nachher bist du auch noch erschöpft, weil es so anstrengend war.» So etwas muss man ernst nehmen, nicht wahr?

Da sagte aber der Verstand: «Du kannst doch nicht wie eine Einsiedlerin leben. Du brauchst doch ein paar Kontakte, ein paar Freunde in diesem Laden!» Nun weiss Storch, dass man auch auf den Verstand hören muss. Ihr Credo ist: Gute Entscheidungen kann man nur dann treffen, wenn man den Verstand und das Würmli zur Übereinstimmung bringt. Sie erklärt auch, wie man das macht. Dafür braucht es Zeit und – manchmal – die Hilfe von Fremden.

Das Buch ist wirklich lesenswert und auch lustig – und so einfach geschrieben, dass es die eine oder andere Leserin sogar unterfordern wird. Aber nicht zuletzt dank Storch habe ich herausgefunden, wie ich das jetzt am Mittag in der Kantine mache. Ich setze mich jetzt öfter – nur, wenn ich fit genug bin – mit meinem Salat ins Hinterzimmer der Kantine. Dort ist zwar schlecht geheizt. Aber dafür ist es viel ruhiger. Manchmal – recht oft eigentlich – setzt sich jemand zu mir.



Maja Storch: «Machen Sie doch, was Sie wollen!»,Verlag Hans Huber, Bern, 2010.




06. Dezember 2015 Selbstbestimmt 0
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