Survival Guide für die Festtage


Bloggerin: Frau Frogg


Nicht alle Schwerhörigen hören gleich schlecht. Aber eins ist sicher: Wer ein beeinträchtigtes Gehör hat, hat es an festlichen Anlässen schwer. Da sitzt sie dann, die Schwerhörige, die Kerzlein brennen, alle reden und lachen, aber sie hört nur Gebrabbel.
 

Das kann schwer deprimieren. Und ist sehr, sehr anstrengend – denn wo andere gelassen zurücklehnen und plaudern, muss unsereiner höchste Konzentration aufbringen. Die Folge: Wir werden schneller müde, und das deprimiert zusätzlich. Ich habe Ratschläge gesammelt, wie man als Schwerhörige trotzdem heil durch die Feiertage kommt – und vielleicht dann und wann sogar ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickelt. Ein Dank meinen schwerhörigen Freunden, die mir dabei geholfen haben! Hier die Tipps:
  1. Wichtig ist die Platzwahl – sitzen Sie entweder in der Mitte. Oder so, dass ihr besseres Ohr zur Tischgesellschaft gerichtet ist.
  2. Das erfordert eine gewisse Eigeninitiative – im schlimmsten Fall das Verschieben von Tischkärtchen. Es erfordert auch, dass man sich als Schwerhörige outet. Tun Sie das. Nicht den ganzen Abend lang – und ausführlicher nur, wenn es die Leute interessiert. Aber soweit, dass das Mitreden leichter wird.
  3. Suchen Sie Gelegenheiten, bei denen Einzelgespräche möglich sind. Bei  mir gehen Steh-Aperos gerade noch. Es kann aber auch sinnvoll sein, zum Beispiel in die Küche zu gehen und Schinkenipfeli zu machen oder abzuwaschen. Dort ist es in der Regel ruhiger. Sie können auch jemanden zum Mitkommen auffordern – es ist aber sehr gut möglich, dass jemand zu ihnen kommen wird, der ohnehin ein paar Worte mit Ihnen wechseln will.
  4. Was tun, wenn Sie sich trotzdem ins Gespräch am grossen Tisch einbringen möchten? Macht es Sinn, mit einem eigenen Thema hineinzuplatzen - auch, wenn Sie nicht einmal wissen, über was die anderen genau reden? Jein. Von Weihnachtsfesten mit einer schwerhörigen Tante weiss ich, dass das sehr störend sein kann. Damals hörte ich noch gut. Ich hatte mich wie alle Anwesenden angestrengt, ein Gespräch zwischen Leuten zum Laufen zu bringen, die sich eigentlich nicht viel zu sagen hatten. Wenn dann die Tante unvermittelt mit einem Satz über ihr Hündchen hereinplatzte, jagte mich das fast die Wände hoch. Ich kenne aber auch Schwerhörige, die sehr geistreich in Gespräche eingreifen.
  5. Es hat keinen Sinn, Feste auszusitzen, bis man nervlich völlig fertig ist. Wenn Sie müde und deprimiert werden, machen Sie eine Pause. Suchen Sie sich – wenn das möglich ist – einen Ruheplatz. Oder gehen Sie auf einen Spaziergang. Oder verabschieden Sie sich und gehen nach Hause. Das erfordert vielleicht ein gewisses Verständnis seitens der Gastgeberin. Erklären Sie ihr, warum Sie schon gehen.
  6. In der Hitze des Gefechts ist es vielleicht nicht einfach zu erkennen, wann der Zeitpunkt zu gehen gekommen ist. Machen Sie im Voraus «Wenn – dann»-Vorsätze. Bei manchen Schwerhörigen beginnen in Momenten der Isolation selbstzerstörerische innere Dialoge. Wir stellen uns selber und den Sinn des Lebens in Frage. Mit der Zeit erkennen wir die Signale und können uns sagen: «Bevor es wieder soweit kommt, tue ich etwas, was mir guttut.»
  7. Das alles löst das Grundproblem natürlich nicht. Grosse Feste sind und bleiben eine Herausforderung, mit der wir jedesmal von Neuem zurechtkommen müssen. Lernen Sie, bleiben Sie tapfer und seien Sie dankbar für die Lichtblicke.
A propos Licht: Ich wünsche allen ein wunderschönes, fröhliches Weihnachtsfest!
 
19. Dezember 2016 Album 0
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