Ein unerwünschtes Geschenk


Bloggerin: Frau Frogg


Manchmal gibt uns das Leben Dinge mit auf den Weg, auf die wir gerne verzichtet hätten – zum Beispiel eine Behinderung. Mich hat es schwerhörig gemacht, in Schüben. Langsam, aber unerbittlich. Das hat mich sehr verändert. Es hat mich zum Beispiel massiv entschleunigt. Und zwar nicht so, wie sich doppelbelastete Mütter und burn-out-gefährdete Manager Entschleunigung erträumen, nämlich als Wellness-Kur ohne Ende. Nein. Es hat mich soweit gebracht, dass ich um 15.30 Uhr das Büro verlasse und mich frage, was ich mit dem Rest des Tages Sinnvolles anfangen soll. Es muss etwas sein, was mich nicht stresst – sonst werden die Symptome der Krankheit schlimmer.
Die Möglichkeiten sind eingeschränkt. Politisieren, Vereinsmeierei, Theater, Partys, Beizenhocken – alles nur in beschränktem Masse möglich. Der Umgang mit Kindern – immer anstrengender. Reisen – ein Riesenstress.

Mit so etwas muss man erst einmal umgehen lernen.
Ich lernte. Ich lernte zuerst die Kunst des Spazierengehens. Es ist die Kunst, den Weg unter den Füssen zu spüren. Die Kunst, über kleine Dinge zu staunen. Es ist oft eine einsame Kunst. Dass ich meine Beobachtungen verbloggen konnte (zum Beispiel hier), machte das Spazieren geselliger. Es befriedigte mein Mitteilungsbedürfnis.

Überhaupt – das Schreiben. Schreiben hat mir immer viel bedeutet. Es war meine Leidenschaft, dann mein Beruf, dann wurde es meine wichtigste Verbindung zur Welt.
Und dann, vielleicht vor einem Jahr, wurde das Schreiben noch etwas ganz anderes: Es wurde das Verkehrsmittel, auf dem ich eine Seelenreise antrat. Ich begann mit der Sprache den Verlust, die Liebe, die Einsamkeit neu  zu erforschen. Ich arbeitete an einem Roman, wie ich es in jungen Jahren getan habe. Gleichzeitig begann ich zu lesen wie eine Besessene. Es ist ein Tauchgang in eine Welt, die ich eigentlich in meinen Jugendjahren richtig  hätte erforschen sollen – aber damals konnte ich es noch nicht. Ich war zu jung. Jetzt kann ich es besser. Ich ertrage dort unten mehr Einsamkeit. Es ist eine Welt voller Schönheit und voller Schrecken. Manchmal ist es eine Höllenfahrt. Und manchmal denke ich: Hier und nirgendwo anders möchte ich sein.

Sie hatte mich also doch an einen guten Ort geführt, die Schwerhörigkeit. Jetzt müsste es mir leichter fallen, sie zu akzeptieren, denkt ihr. Aber so einfach ist es nun auch wieder nicht.
 
 
 
 
 
   
22. Februar 2015 Selbst erlebt 0
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