Wunderheiler


Bloggerin: Frau Frogg


Die Ärztin zieht die Stirn in Falten und sagt: «Also, Frau Soundso, es ist jetzt klar: Sie haben die F’sche Krankheit. Es wird schlimmer werden. Wir können leider nichts dagegen tun.»  Wer eine chronische Krankheit hat, kennt diesen Moment. Frau Soundso sitzt dann da und denkt: «Aber auf den Mond fliegen können sie, diese IdiotInnen von der Wissenschaft!» Und würde sie am liebsten auch gleich dorthin schicken. Nun beginnt ein grosses Hasten und Rennen: Frau Soundso sucht Rettung bei der Alternativmedizin. Bei Gesundbetern. Bei weisen Büchern. Das Angebot ist riesig.

Ich bin Frau Soundso. Ich habe eine chronische Krankheit. In zehn Jahren bin ich bei einem Dutzend HeilerInnen gewesen. Einige haben mir gleich gesagt, was mit mir nicht in Ordnung ist. Zum Beispiel: «Sie haben aber auch eine merkwürdige Physiognomie. Man sieht schon, dass bei Ihnen etwas nicht stimmt.» Solchen Hokuspokus lasse ich mir nicht gefallen. Da breche ich die Therapie gleich ab.

Was ich dann doch versucht habe? Alles. Hier ein paar Müsterchen:   

Akupunktur:  «Sie haben ja diese Beschwerden schon sehr lange. Da werden wir auch eine lange Kur machen müssen», sagte die Frau mit den Nadeln. Die Sitzung kostete 125 Franken – nach 16 Sitzungen  (zwei pro Woche neben einem Vollzeitjob) gab ich erschöpft auf.  Es ging mir ein winziges bisschen besser. Meinem Bankkonto ging es weniger gut.

Homöopathie: Die Homöopathin gab mir Ampullen mit Rindermark – das war vor Jahren, als der Rinderwahnsinn noch ein Thema war. Ich verleibte mir nun ausgerechnet jene Substanz ein, die den Rinderwahnsinn übertrug. Das fand ich höchst beunruhigend – auch wenn es ja homöopathische Dosen waren. Ich schluckte das Wässerchen trotzdem brav. Wirkung: Keine. 

Wasseradern pendeln: «Du schläfst auf einer Wasserader», sagte mein Freund, der Pendler. «Kein Wunder, dass es Dir schlecht geht.» Ich platzierte mein Bett um. Das war vor fünf Jahren. Danach ging es mir jeden Tag ein bisschen besser. Aber vor drei Jahren muss unter meiner Matratze eine neue Wasserader ausgebrochen sein. Sie kommt und geht und wird immer grösser. Dummerweise habe ich in meinem Zimmer keinen anderen Platz mehr für mein Bett.

Autogenes Training: Hilft gegen kalte Füsse, ehrlich! Aber nicht gegen eine chronische Krankheit.

Geistheiler:  «Sie sind Allergikerin, das sehe ich sofort!», sagte ein in unserer Region sehr bekannter Geistheiler, als ich seine Praxis betrat. Er empfahl mir eine Diät ohne Gluten, ohne Milchprodukte, ohne Weisswein, ohne Schweinefleisch und ohne Südfrüchte. Kurz darauf gingen wir nach Italien in die Ferien. Ich nahm drei Kilo ab, doch es ging mir wenig besser. Die nächste Geistheilerin empfahl mir ebenfalls eine Diät – nun waren mir noch mehr Lebensmittel verboten. Geistheilung wie ich sie mir vorgestellt hatte, bekam ich leider keine. Ein wissenschaftlicher Allergietest wies bei mir eine leichte Birkenpollenallergie nach. Sonst nichts.

Diäten:  Siehe Geistheiler.

Bekannte geben einem ja immer neue Tipps. Aber irgendwann begann ich erschöpft  abzuwinken. Ich habe jetzt eine neue Methode: Ich geniesse das Leben. Geht nicht immer, aber so oft wie möglich. Wenn ich meine Freundin treffe, auch eine Frau Soundso, trinken wir zusammen ein Cüpli. Und ganz, ganz selten erlaube ich mir sogar eine Zigarette. Es geht mir zwar nicht besser. Die Krankheit schreitet fort. Aber es könnte mir schlechter gehen.




01. Februar 2015 Selbst erlebt 1
Kommentar
Dominique / Oceana
Das, was im letzten Abschnitt steht, ist das, was mir auch hilft. Plus: Jeden Tag so zu nehmen, wie er ist und sich mit lieben Menschen zu umgeben, die einen so nehmen, wie man ist.
08.02.2015 15:27:53

 
 
 
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