Mittagessen mit Lou


Bloggerin: Frau Frogg


Es gibt Menschen, die einfach  leise sprechen. Sie können nicht anders. Es ist, als hätte ihnen jemand schon in jüngeren Jahren die kräftigeren Stellen auf ihren Stimmbändern zugekleistert. Lou ist so eine Frau. Sie spricht nicht böswillig leise, sie kann einfach nicht laut sprechen, ich weiss es. Auch andere bestätigen, dass sie leise spricht, aber mich als Schwerhörige stellt das vor besondere Herausforderungen. Ich verstehe sie oft sehr schlecht. Letzthin gingen wir zusammen in unserer Cafeteria essen, und sie sagte: «Ich gebe mir jetzt einmal richtig Mühe, laut mit Dir zu sprechen.»

Dann sassen wir einander gegenüber, ich hatte mein linkes Hörgerät auf maximaler Lautstärke, neigte ihr leicht mein Ohr zu, und sie rief mir Dinge entgegen, so laut sie eben kann. So bauten wir zusammen extra für mich eine Schallbrücke über das Getöse in unserer Cafeteria.
 
Frauengesprach-avantidonne-(2).jpg

Es hat mich gerührt. Es kommt nicht oft vor, dass sich Leute extra wegen mir Mühe geben – oder so kommt es mir jedenfalls vor, aber vielleicht irre ich mich ja. Und das Gespräch gelang tatsächlich: Sie redete über die Lage in unserem an kleinen und grossen Krisen nicht armen Geschäft. Ich gab meinen Senf dazu. Sie erzählte von verrückt gewordenen Verwandten. Ich erzählte von verrückt gewordenen Verwandten. Wir diskutierten über schwierige Kunden. Eine meiner schwerhörigen Bekannten hat schon gesagt: «Ich suche mir meine Freunde danach aus, ob sie deutlich sprechen oder nicht.» Aber wenn ich das täte, würde ich nicht mit Lou mittagessen gehen. Und dann würde ich eindeutig etwas verpassen.

Bevor wir aufstanden, um in unsere Büros zurückzugehen, warf sie das Haar aus dem Gesicht in der Art, die sie hat und bündelte es im Nacken. Dann lachte sie: «Uff, jetzt bin ich richtig erschöpft! So laut zu sprechen, ist anstrengend.» Ich sagte ihr nicht, dass für mich hinhören immer genau so ist, anstrengend, anstrengender als für alle anderen. Ich wollte nicht pädagogisch sein, sie hat sich ja extra Mühe gegeben. Ich hoffe vielmehr, ich habe mich hinreichend bedankt.


 
04. Februar 2017 Selbst erlebt 2
Kommentar
frau frogg
Danke für Deinen Kommentar, liebe Silvia. Ja, ich hatte auch fast ein schlechtes Gewissen. Aber es geht ja nicht anders, und das versteht das Gegenüber in der Regel auch. Richtig ungemütlich wird es für mich, wenn die Leute sich wiederholen müssen und dann diesen leicht gereizten Ton bekommen. Das kennst Du sicher auch ...
06.02.2017 12:52:07

Silvia
Die Situation kenne ich gut. Einerseits bin ich froh, wenn jemand sich bemüht und deutlich redet. Anderseits ist es mir unangenehm und ich habe fast ein schlechtes Gewissen. Dann ärgere ich mich wieder über mich selber.
Scheiss Hörbehinderung.
05.02.2017 13:58:20

 
 
 
Newsletter abonnieren
Required form 'Newsletterabonnieren' does not exist.
Kategorien
Highlights
Über die Liebe sprechen
 
Schluss mit Gedanken-Hüpfis!
 
Am Marsch der Frauen
 
Schrittezähler und Selbstoptimierer
 
Mittagessen mit Lou
 
Survival Guide für die Festtage
 
Leben – Alltagstrott oder Abenteuer?
 
Theater mit Untertiteln
 
Ferien
 
Die Angst in Wien
 
Wer nicht schweigen will, muss fühlen
 
10 Überlebenstipps für Menière-Patienten
 
Wenn besondere Menschen gehen
 
Das Windrad stoppen
 
Auf die Strasse, Leute!
 
Fussball mit Rollschtimama? No way.
 
Hilfe, Kuhaugenalarm!
 
Die Seite gewechselt
 
Bitte kommen SIE nicht!
 
WC-Besuch, Schweiz, 2016
 
Kraftmeier und andere Typen
 
Der Behinderten-Bonus
 
Wie ist es eigentlich...?
 
Unterwegs in Südamerika (I)
 
Abenteuer-Ferien zu Dritt
 
Die Hand des Gorillas
 
Frau Professor und der Anstand
 
Das Gute daran
 
Kommunikatzion
 
Darüber reden
 
Der unsichtbare Feind
 
Ein ganzes halbes Jahr
 
Erinnerungen ... werd ich alt?
 
Zimmer
 
Freunde
 
Party – träumst du noch oder gehst du schon?
 
Archiv