Gute Vorsätze


Bloggerin: Frau Frogg


Neujahrsvorsätze sind eine schwierige Sache: Die meisten von uns arbeiten ja schon wie die Irren, essen wie die Vögelchen und rauchen nicht mehr. Was soll man sich da noch vornehmen? Ich werde den Nicht-Behinderten ein paar Vorsatz-Ideen für den Umgang mit Menschen mit Behinderung geben, dachte ich. Dann fühlen sie sich wie gute Menschen, und uns bringt das auch etwas. Aber dann sprach ich mit meiner Freundin Zoé – und stellte fest, dass sie ganz andere Erwartungen an Nicht-Behinderte hat als ich. Zoés Behinderung sieht man. Sie ist im Rollstuhl. Sie kann sich kaum vor Leuten wehren, die ihr über die Strasse helfen wollen – auch wenn sie das gut ohne Hilfe schafft. Meine Behinderung sieht man nicht. Ich bin schwerhörig. Für mich ist es eine Tortur, dass normal Hörende ständig vergessen, deutlich mit mir zu sprechen.

Ausserdem kursieren im Netz bereits etliche Videos (Beispiel hier) und Anleitungen darüber, was Nicht-Behinderte NICHT tun sollten beim Umgang mit Menschen mit Behinderung. Ich verstehe den Ärger sehr gut, der hinter solchen Beiträgen steckt. Warum begreifen diese so genannten Normalos nicht auf Anhieb, was für uns doch selbstverständlich ist?! Warum benehmen sie sich im Umgang mit uns manchmal so konsequent daneben?! Trotzdem fange ich an, diese Videos kontraproduktiv zu finden. Ich meine: Erstens müssen neue Bekannte erst mal lernen, mit unserer Behinderung umzugehen. Wir mussten es auch. Zweitens sollten wir es denen doch nicht noch schwieriger machen, überhaupt mit uns zu sprechen! Die sind doch sowieso schon kläglich verunsichert, wenn sie mit jemandem von uns konfrontiert sind. Den einen raubt schon unser Anblick die beruhigende Überzeugung, dass jeder seines Glückes Schmied ist – und zwar jederzeit. Damit sie keine Scheissangst bekommen, denken sie dann schnell:  Na, wenn die eine Behinderung hat, hat sie wohl irgendetwas falsch gemacht. Dann erklären sie uns, wie wir unser Leben in den Griff bekommen, und die Sache ist für sie erledigt. Andere sind klüger und wissen genau, dass das Leben nicht immer fair ist. Sie versuchen sich krampfhaft vorzustellen, wie schrecklich es sein muss, mit unserer Behinderung zu leben. Und können es  nicht. Und sehen vor lauter Verunsicherung nur noch unsere Behinderung. Dann vergessen sie, dass wir im Grossen und Ganzen ganz normale und – hoffentlich – umgängliche Menschen sind.

A propos umgänglich  –  auch wir selber sind dem Umgang mit unserer Behinderung nicht immer gleich gut gewachsen. Manchmal sind wir reizbar, weil wir Schmerzen haben. Oder weil wir langsamer sind als die anderen. Oder wir reden zu viel über unsere Behinderung – was Nichtbehinderte gleichzeitig stresst und furchtbar schnell langweilt – aus den oben genannten Gründen. Deshalb: Seien wir 2016 ein bisschen nachsichtiger mit uns selber – und etwas geduldiger und liebevoller mit den anderen. Und für all die Fälle, wo wir uns dann doch noch etwas besonders Bescheuertes anhören müssen, wünsche ich Euch und mir eine gesalzene Portion Schlagfertigkeit.
Und natürlich auch sonst alles Gute!

Herzlich, Frau Frogg






10. Januar 2016 Album 0
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