Das Windrad stoppen


Bloggerin: Frau Frogg


Es passierte beim Mittagessen in einer Osteria im Dörfchen Maggia. Ich hatte den zweitletzten Bissen des Mittagessens im Mund. Es war ein köstliches Mittagessen, Tagliatelle mit Wildschweinragout. Ich wollte gerade schlucken, als es passierte: Wie ein Windrad begann sich die Welt vor meinen Augen zu drehen. Es war mitten an meiner Stirn  befestigt. Es zerrte mich in alle Richtungen und schleuderte mich fast vom Tisch weg. Ein Menièr'scher Schwindelanfall.


Wir hatten Ferien, der Anfall alles kam mir höchst ungelegen. Ich versuchte ihn zu ignorieren und schluckte die beiden letzten Bissen Tagliatelle in Würde. Und dann ein Motilium, gegen den Brechreiz. Da sass ich nun und ich wusste aus Erfahrung: Bevor ich mich an einem ruhigen Ort hinlegen kann, geht der Schwindel nicht weg. Aber mit Schwindel komme ich nie unauffällig aus dieser Beiz hinaus. Ich werde schwanken, als hätte ich das Chübeli Bier meines Begleiters getrunken. Und einen kräftigen Schuss Schnaps aus einem diskret versteckten Flachmann dazu. Dabei trinke ich längst nichts Stärkeres mehr als eine Tasse Kaffee am Morgen.

Was habe ich letztes Jahr auf diesem Blog über Herrn Menière gelästert! Er war der lästige Dritte, der sich gelegentlich in unsere Pärchenferien einmischte. Aber was Herr Menière damals abzog, war ein fröhliches Ruckeln im Vergleich mit dem Drehschwindel dieses Jahr. Vielleicht ist es das Wesen einer chronischen Krankheit: Man denkt so wenig wie möglich an das, was sie einem noch antun könnte. Man packt sich in die Gegenwart wie in Watte. Aber manchmal sieht man durch die Watte hindurch, wie es noch vor einem Jahr gewesen ist – und kommt ins Grübeln.

Ich stand auf und hangelte mich von Tisch zu Tisch. Die Welt kreiste holprig um mich. Alle Gäste drehten sich nach mir um. Draussen griff ich dankbar nach dem Arm meines Begleiters. Allein hätte ich keinen Schritt gehen können. Die zweite Etappe unserer Wanderung nahmen wir gar nicht erst unter die Füsse. Zum Glück hatten wir in kürzester Zeit einen Bus zurück nach Locarno. In jeder Kurve dachte ich: «Hoffentlich kann ich das Mittagessen behalten.»

Seither habe ich mich oft gefragt, ob ich das alles überhaupt niederschreiben soll. Wenn ich es jetzt tue, dann sicher nicht mit der Absicht der Selbsttherapie oder des Jammerns. Irgendjemand hat einmal gesagt: Die meisten Autoren schreiben, weil sie hoffen, damit die Welt ein bisschen besser zu machen. Genau deshalb tue ich es. Ich meine, es gibt Dinge, auf die einen niemand vorbereitet. Ferien mit Herrn Menière gehören zu diesen Dingen. Seit ich Blogs von Menière-Patienten lese, bin ich gefasster, wenn es schlimmer wird. Ich weiss, dass andere das auch haben – dass man damit leben kann. Und dass manche sogar noch die geistige Präsenz aufbringen, dem Windrad mit Worten zu begegnen.

Für den Fall, dass ein anderer Menière-Patient diese Zeilen lesen sollte, schreibe ich jetzt auch dies nieder: Ja, es ist mir gelungen, mein Mittagessen bei mir zu behalten. Aber es hat drei verdammte Stunden gedauert, bis das Windrad wieder stillstand. Und das war erst der Anfang meiner Probleme. Denn der Anfall liess mich völlig verängstigt zurück. Ich traute mich eine Woche lang nur noch für kurze Spaziergänge aus unserer Ferienwohnung hinaus. Und die ganze Zeit quälten mich Fragen wie: Schaffe ich die Heimreise am nächsten Samstag schwindelfrei? Und was mache ich, wenn das Windrad mitten auf der Reise losgeht? Auf dem Bahnperron? Mit einer schweren Reisetasche?

Links:

Infos zur Menière-Krankheit
 
Blog-Beitrag Abenteuer-Ferien 2015

 
24. Juli 2016 Selbst erlebt 2
Kommentar
avantidonne
Danke für den Hinweis betr. Link. Jetzt sollte er funktionieren.
01.08.2016 21:00:25

Oceana
Der Link zu den Infos zur Krankheit funktioniert leider nicht... Ansonsten guter Blog, der nicht jammert, sondern nur aus Feststellungen besteht, obwohl mit der Krankheit sicher nicht gut Kirschen essen ist. Stark, danke!
31.07.2016 14:02:13

 
 
 
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