Stillsitzen lernen


Bloggerin: Frau Frogg


Mit einer gewissen Nervosität blickte ich unseren Ferien entgegen. Ich meine: In den letzten und vorletzten Sommerferien hatte ich einige spektakuläre Schwindelanfälle. Treue Leserinnen und Leser erinnern sich an die Abenteuer-Ferien und den Vorfall mit dem Windrad. Und an die Ängste, die mich in Wien verfolgten. Dass ich zu Schwindelanfällen neige, kann ich nicht ändern – aber wenn ich Stress meide, habe ich eine Chance, die Sache unter Kontrolle zu behalten.

«Stress in den Ferien?» werdet Ihr jetzt denken. «Was soll denn das? Ferien sind doch zur Erholung da.» Ja, schon. Aber ich neige offenbar dazu, mir in den Ferien auch einiges zuzumuten – und ich rede jetzt nicht einmal vom Chaos auf dem Flughafen in der Hochsaison. Nein, es geht vielmehr um meine Einstellung zum Reisen, zu Ferien überhaupt. Wenn ich am Morgen nach dem Frühstück still auf einem Balkon sitze, dann sagt eine Stimme zu mir: «Steh auf und nutze den Tag!» Auch Ferien wollen in meinem Universum mit sinnvoller Betätigung verbracht werden – am besten mit der gründlichen Erforschung der ungewohnten Umgebung, ihrer Kultur, ihrer Berge, ihrer Sehenswürdigkeiten, ihrer Sprache und Schrift und ihrer Restaurants. Ich habe – oder hatte früher – die Neigung, beim Reisen ziemlich auf Draht zu sein. Letztes Jahr musste ich mir dann eingestehen, dass ich im Moment nicht so auf Draht sein kann, wie ich es gerne möchte. Dass mein reisefreudiger Mann darüber so wenig glücklich ist wie ich, sei nur nebenbei erwähnt.
 
​Frau Frogg wollte ihre Ferien schwindelfrei, aber doch auch ein bisschen aufregend.
Sie dachte viel darüber nach, wie sie das hinbekommen sollte.


Um Stress zu meiden, reisten wir wieder ins Tessin – das dritte Jahr in Folge, nach Locarno. Reisefieber kam da schon mal wenig auf – und es fielen eine Menge Unsicherheiten weg: Wir wussten, wo wir einkaufen konnten – und wie wir in den Besitz von Bargeld in der Landeswährung kamen. Blieb die Herausforderung, mit der inneren Stimme umzugehen. Ganz abstellen konnte ich sie ja nicht. Also gehorchten wir ihr an den meisten Tagen, brachen nach dem Frühstück auf und machten eine kleine Wanderung – oder gingen ins Museum.
 
Frau Frogg ging in den Ferien öfter ins Museum als üblich:
Skulpturen von Robert Indiana in der Casa Rusca, Locarno.


Am Nachmittag aber entdeckten wir Balkonien. Unsere Wohnung erwies sich diesbezüglich als Glücksfall: Wir genossen einen anregenden Ausblick auf das Bähnli nach Orselina – in unseren ersten drei Tagen konnten wir den Arbeitern zusehen, die dort ein neues Standseil montierten. Und auch sonst herrschte da draussen immer Betrieb, mal sah ich ein Eichhörnchen, einmal liess die Bahn bei der Mittelstation ein halbes Dutzend wartende Fahrgäste stehen, abends beobachteten wir die Wolken und warteten auf Regen – und dazwischen sorgte guter Lesestoff für Vergnügen. Langweilig? Ja und nein. Manchmal habe ich es richtig genossen.


Blick von Frau Frogg’s Balkon in Locarno.
Dank dem Orselina-Bähnli gab es immer etwas zu sehen.
 

Zwischendurch konnte ich aber nicht an mich halten, und wir machten doch ein paar spektakuläre, kleine Reisen: Wir besuchten das wilde Rovanatal hoch über der Maggia. Wir besichtigten den neuen Botta-Bau auf dem Monte Generoso. Wir erkundeten den hintersten Winkel des Verzascatals, das Val Vergonèss. Man muss es dem Tessin lassen: Es ist so reich an landschaftlichen Schönheiten, dass man auch beim dritten Mal noch Neues entdeckt.

Und offenbar hatte ich die Spektakel-Dosierung diesmal im Griff: Spektakulär waren nur die Ausflüge – den Schwindel hatte ich unter Kontrolle. 

 
23. Juli 2017 Selbst erlebt 0
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