Mit Kritik umgehen


Bloggerin: Frau Frogg


Ich muss es einmal deutsch und deutlich sagen: Kritisiert werden ist Scheisse. Nehmen wir das Beispiel von gestern: Ich komme am Morgen nichtsahnend ins Geschäft. Als ich hereinkomme, stellt mich der Chef vor einer zufällig versammelten Gruppe Kollegen barsch zur Rede. Ich hatte eine Schwindelnacht hinter mir und ohnehin Mühe, mich auf den Beinen zu halten. Eigentlich wollte ich still meine Pflichten erfüllen und dann nach Hause gehen. Doch nun musste ich mir anhören, dass ich gestern eine Grundregel meines Jobs verletzt hätte. Dass ich mich von meinen eigenen Sympathien leiten liesse. Er brüllte. Ich stand neben mir und schaute zu, wie ich kleiner und kleiner wurde.

Ich begann den Arbeitstag als Häufchen Elend. Erst Stunden später ging mir die Ironie an der Sache auf. Noch vor wenigen Tagen hatte ich mich darüber beklagt, dass mich nie mehr jemand kritisiert. Ich habe einen so genannten geschützten Arbeitsplatz. Das heisst unter anderem:  Ich nehme nicht mehr an Sitzungen teil – und damit auch nicht an der institutionalisierten Kritik in unserem Geschäft. Wenn alles seinen gewohnten Gang geht, vergisst man mich einfach. Oder vielleicht kritisiert man mich nicht, weil man mich schonen will. Ich bin doch diese Frau mit der merkwürdigen Krankheit. Man tritt mich nicht in den Arsch – ich bin doch eh schon schwach. Manchmal hatte  ich den Verdacht, dass sogar mein Chef mich schont. Aber hinter meinem Rücken tratschen sie ja doch.

Wer nicht kritisiert wird, ist sozial tot, hatte ich behauptet. Wer nicht kritisiert wird, verliert den Bezug zum Leben. Wir Frauen mit Behinderung müssen darum kämpfen, dass man sich ehrlich mit unserer Arbeit auseinander setzt. Es reicht nicht, dass wir selber unsere schärfsten Kritikerinnen sind. Wir müssen offen sein für negative Feedbacks. Weil sie uns weiter bringen. Weil sie ein Zeichen sind, dass man uns ernst nimmt.

Und jetzt das. Ich hätte mich darüber freuen können, dass mein Chef mich nicht schonte. Stattdessen fühlte ich mich wie die bescheuertste Frau auf dem Planeten. Und ich sah meinen Job in Gefahr.  Ich meine: Ich kenne zwar die Tobsuchtsanfälle meines Chefs wie alle hier. Bekommt man einen im Jahr ab, dann anerkennt man den wahren Kern in ihnen – oder zumindest die Botschaft, die man erkennen muss, damit man seinen Job behalten kann. Den Rest lässt man an sich abperlen, so gut man kann. Beginnen sich solche Zusammenschisse zu häufen, so wird es Zeit für einen Plan B.

Aber jetzt stieg ich nach der Arbeit ins Internet und googelte «mit Kritik umgehen». Das meiste, was man auf dem Internet dazu findet, ist Mist. Wie üblich. Aber drei gute Tipps fand ich, irgendwo im Daten-Urwald:
  1. Berechtigte Kritik muss ich akzeptieren. Sie kann mich nur weiterbringen. Und es stimmte: Ich hatte etwas verbockt.
  2. Wenn der Chef grob Verallgemeinerndes äussert, darf ich mich wehren. («Du bevorzugst Kunden, die dir sympathisch sind») – das muss ich nicht akzeptieren.
  3. Ich darf mich wehren, wenn Kritik unsachlich und destruktiv geäussert wird.
Das heisst: Ich dürfte gegen das Gebrüll und die Blossstellung vor Publikum aufbegehren. Aber das wäre unerhört, und ich werde nicht damit anfangen – dafür ist mir mein Job zu wichtig. Vielleicht sollte ich dem Chef melden, dass ich eingesehen habe, dass ich einen Fehler gemacht habe – dass ich aber die Verallgemeinerung, ich liesse mich von meinen Sympathien leiten, unfair finde. Auch das hat meines Wissens noch niemand gemacht. Ich denke noch darüber nach.

Aber im Grunde hat es mich schon weiter gebracht zu wissen, dass er auch nicht perfekt ist. 
07. Juni 2015 Selbst erlebt 1
Kommentar
Oceana
Solange es ein klarer Zusammenschiss ist, der direkt passiert, kann ich damit leben. Leider habe ich auch schon anderes erlebt, mit viel perfideren Methoden. Diese Art der "Kritik" macht einen kaputt, deshalb bin ich froh, jetzt einen Chef zu haben, der zwar manchmal laut wird, aber dann ist es dafür wieder in Ordnung.
08.06.2015 16:21:45

 
 
 
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