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Bloggerin: Frau Frogg



Als Kind habe ich dieses Bild hundertmal gesehen. Es war in einem Bildband, den jemand mir zur Geburt geschenkt hatte. Schon mit vier sass ich oft neben dem Plattenspieler, hörte die Schlager-Singles meiner Mutter und blätterte darin. Das Buch hiess «Kinder aus aller Welt». Da waren aber nur wenige strahlende Babys und Knuddelkinder zu sehen – da waren Bilder von armen Kindern, Bildern von Kindern mit einer Behinderung, Bilder von Kriegskindern. Ich war ein gesundes Kind aus der Schweizer Mittelschicht. Ich sah Bilder aus einer Welt, die nicht meine Welt war.

Das Bild oben erschien mir schon damals unfassbar grausam. Diese Kinder inmitten von Trümmern, die ein Kind mit Krücken auslachen und es vielleicht sogar mit Steinen bewerfen. Nie, nie würde ich so etwas tun, dachte ich mit vier. Das ist unanständig und gemein. Dem Kind mit den Krücken schenkte ich wenig Beachtung. Mich verwunderte höchstens, dass der Schmerz dem Knaben so deutlich ins Gesicht geschrieben steht. Wenn man mich als Kind auslachte, dann machte ich ein stolzes Gesicht. Die anderen sollten nicht auch noch Freude an meinem Schmerz haben.

Erst später erfuhr ich Einzelheiten über das Bild. Es stammt vom Reportagefotografen Henri Cartier-Bresson. Dieser reiste für die berühmte Fotoagentur Magnum  durch die Welt und dokumentierte eben nicht nur ihre schönen Seiten. Diese Fotografie machte er in Sevilla, in Spanien. Ich bin einmal in Sevilla gewesen, heute eine elegante Stadt, die stolz ist auf ihre Architektur. Aber dieses Bild entstand 1933 – drei Jahre vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges. Damals war Spanien ein mausarmes Land, der Krieg auch eine Folge enormer sozialer Missstände. Das war also die gute alte Zeit, dachte ich und ich begriff: Dass wir Mitgefühl für Menschen mit einer Behinderung haben, dass wir niemanden ausstossen – das ist also nicht selbstverständlich. Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Wir können sie verlieren und zu Barbaren werden.

Dann sah ich das Bild viele Jahre nicht – unterdessen bekam ich eine chronische Krankheit. Ich verlor mein Gehör, bekam selber eine Behinderung. Ich friste in einem mittelgrossen Schweizer Unternehmen eine Existenz am Rande. Ich nehme kaum noch am öffentlichen Leben teil.

Neulich schlug ich in einem Fotoband dieses Bild wieder auf. Sofort fiel mein Blick auf das Gesicht des Knaben an den Krücken – und beinahe wäre ich selber in Tränen ausgebrochen. Mich interessierte plötzlich der Kinder-Mob hinten viel weniger als der Knabe an den Krücken. Ich studierte seinen Gesichtsausdruck – ich sah den Schmerz des Ausgestossenseins – und die stille Verzweiflung darüber, dass er all das einfach nicht ändern konnte. Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich mich mit dem Knaben identifizierte. Das war nicht nötig. Die Leute hierzulande sind zwar zu weniger Mitgefühl fähig als ich geglaubt hatte – aber fast alle haben genügend Anstand, um  nicht richtig grausam zu sein. Und dennoch: Innerlich hatte ich irgendwie die Seite gewechselt.
 


19. Juni 2016 Album 0
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