Vom blonden Engel zum roten Bengel


Bloggerin: Vanessa

 
In den Zwischenberichten aus meiner Schulzeit liest sich immer wieder, Vanessa sei ein höfliches, freundliches und manchmal noch etwas zu schüchternes Mädchen. Dem kann ich nur beipflichten, ich war überaus anständig, hilfsbereit und meist guter Laune – ein süsser blonder Engel eben.

Mittlerweile bin ich 25 und, ja, der Rebell in mir kommt etwas spät. Ich verspüre das Bedürfnis, auch mal unanständig zu sein, mal was Verrücktes zu tun, einfach aus mir auszubrechen! Das Mauerblümchenimage hab ich endgültig satt! Welch ungewohnte Freiheit, das wohl wäre…

Mit diesem Wunsch legte ich mir einen Ausbruchsplan aus meinem eigenen Ich zurecht. Hierzu benötigte ich auch eine äusserliche Veränderung – wie wär’s mit Haare färben? Kurz überlegt, und der Coiffeur-Termin war festgelgt. Zwischenzeitlich kamen mir Zweifel, ob es nicht doch besser wäre, bei der unauffälligeren Haarfarbe zu bleiben, und ich startete deshalb ein Haarfarbvoting bei meinen Freunden; Blond gegen Rot.

Der Tag X kam, und ich kann euch sagen, ich war noch nie so nervös, wie an diesem besagten Freitag. Da sass ich nun, bei der Coiffeuse meines Vertrauens mit der Pallette aus dunkelroten bis gelben Farbtönen in der Hand. Langsam bekam ich Muffensausen, und der Engel lieferte sich mit dem Teufel einen heftigen Kampf. Ich entschied mich für den Highway to hell.

Zwanzig Minuten später kam ich unter die Haube. Tja, so schnell wird das Haarefärben zur Heirat. Nee, Quatsch beiseite, die ganze Sache war ernst, sehr ernst! Spätestens dann, als mir das Handtuch weggenommen wurde und ich mich mit zittrigen Händen an den Stuhl zu klammern versuchte. Wumm! Ich stutzte, und mit dem Finger auf mich zeigend, fragte ich verunsichert: «Bin das wirklich ICH!?» (Das Ich schrie ich beinahe.) Es kam mir vor, als sässe hier die rebellische Ausgabe von der sonst so anständigen Vanessa – krass! Laaangsam gewöhnte ich mich an diesen Anblick und merkte, wie mein Selbstvertrauen ins Unermessliche zu steigen schien. Yes, Vanessa, welch eine Powerfrau!

Die Reaktionen und Kommentare meiner Mitmenschen waren nicht weniger heftig: «Oh, da ist wohl der Herbst ausgebrochen...» «Achtung, die Feuerwehr rollt an!» oder das schelmische Grinsen eines Bekannten mit den Worten «Frau Leuthold, jetzt gefallen Sie mir endlich!» Grösstenteils erntete ich Lob für meinen Mut, viele waren total begeistert von der Farbe. Diejenigen, die meine Frisur schlimm fanden, glotzten mich eine Ewigkeit an, um dann ein «…ah, neuer Look…» herauszupressen.

Schon erstaunlich, was eine Haarfarbe bewirken kann. Klar, einerseits wäre da das Optische, andererseits die Einstellung zu sich selbst. Früher dachte ich, nein, bloss nicht auffallen. Und jetzt? Hey Leute schaut her, hier kommt Vanessa und ich sag, was ich denke! Nach wenigen Wochen fiel mir auf, dass die Menschen respektvoller und rücksichtsvoller mit mir umgehen. Mehr noch, sie entschuldigen sich sogar für lächerliche Kleinigkeiten. Ganz so, als ob ich ihnen sonst an die Gurgel springen in den Hals beissen könnte. Das Gefühl von Eigenständigkeit fühlt sich grossartig an, und ich werde meine Haare wohl noch eine Weile so tragen. Sich selbst zu finden, bedeutet eben auch, die eigenen Grenzen zu sprengen.

 
10. Mai 2015 Frau sein 1
Kommentar
Annegreth Thalmamm
Eine Powerfrau innerlich und äusserlich, eine tolle und liebeswerte Kollegin obendrauf! Ob blaue, grüne oder pinke Haare - zu so einem schönen Wesen passt alles. Geniös!!!
13.05.2015 16:02:39

 
 
 
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