Über die Liebe sprechen


Bloggerin: Frau Frogg


Es ist Frühling geworden, ein bezaubernder Tag. Zoë (60) und ich (52) sitzen auf dem Balkon des Restaurants und plaudern. Zoë hat Multiple Sklerose und sitzt im Rollstuhl. Das ist kein einfaches Leben. «Ach, reden wir nicht davon», sagt sie, «reden wir über die Liebe.» Die Liebe ist unser Lieblingsthema, seit langem. Wir erörtern die Vorzüge und Beschwernisse unserer Zweierkisten. Wir schwelgen in Erinnerungen an längst vergangene Beziehungen, Affären und Techtelmechtel. Diese Erinnerungen sind das Lebenselixier unserer Freundschaft. Köstliche Nostalgie. «Sex in the City» für Fortgeschrittene.
 
Szene aus Sex and the City. Vier Frauen stehen lachend bei einem Drink zusammen.
Szene aus der Fernsehserie «Sex and the City» – fast, aber
wirklich nur fast so ist es, wenn Frau Frogg und Zoë sich treffen.

Aber unsere Konversation ist bruchstückhaft geworden. Mein Gehör ist schlechter als letzten Sommer. Der Gesang einer Amsel kann halbe Sätze vernichten. Und Zoë fehlt die Kraft, um für mich lauter zu sprechen. «Aber warum hast Du dich denn von Florian getrennt, wenn er doch Deine grosse Liebe war?» frage ich. «Ach, das habe ich Dir bestimmt schon ein Dutzend Mal erzählt», sagt Zoë. Aber sie erzählt es mir gleichwohl, und es kommt mir vor wie neu. Ob ich beim letzten Mal nicht alles verstanden habe?

Mir fällt dieser jüdische Witz ein:  Sitzen drei alte Männer vergnügt in einem Zugsabteil. Einer sagt: «53», und alle brechen in Gelächter aus. Sagt der nächste: «17». Erneute Heiterkeit. Ein Fremder kommt dazu und fragt, was das denn für ein Spiel sei. Einer der Männer erklärt: «Wir haben so viele Witze, und wir kennen sie alle. Damit wir sie nicht jedes Mal  von Anfang an erzählen müssen, haben wir sie nummeriert. Wenn ich jetzt ‹22› sage, weiss jeder, welcher Witz gemeint ist.» Da sagte der Fremde: «Ach so, dann kann ich ja auch mitmachen. Ich sage ‹39›.» Niemand lacht. «Wissen Sie», sagt einer, «es kommt auch drauf an, wie man sie erzählt.»

Zoë hat verstanden und lacht: «Ja, bald sind wir soweit, dass wir unsere Männergeschichten nummerieren können. Dann müssen wir uns beide viel weniger anstrengen.»
 
 
 
 
21. Mai 2017 Selbst erlebt 0
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