Schrittezähler und Selbstoptimierer


Bloggerin: Frau Frogg


In letzter Zeit spinnt mein Gleichgewichtssinn manchmal wochenlang – eine Folge meiner Menière-Erkrankung. Dann werden meine geliebten Abendspaziergänge zur mittelgrossen Herausforderung, auch wenn der üble Drehschwindel gerade ausbleibt. Beim Gehen habe ich dann das Gefühl, ich müsse mich gegen einen starken, stetigen Wind stemmen. Er wechselt mit mir die Richtung und bläst stets von rechts – was wohl keine politische Bedeutung hat, aber dennoch unangenehm ist.
 
Ein Schrittzähler zeigt 10271 Schritte an
 

Doch, doch, ich solle trotzdem spazieren gehen, sagt die Ärztin. Das sei gut für den Gleichgewichtssinn. Also bin ich tapfer und stürze mich täglich hinaus an die frische Luft. Allerdings neigten meine Touren eine Weile lang dazu, immer kürzer zu werden. Ich merkte, dass ich mich mehr nach meinem Schrittzähler richten musste, um nicht zu viel Kondition zu verlieren. 10’000 Schritte täglich an fünf, manchmal sechs Tagen die Woche. Das schaffe ich.

Dann rümpfte mein Kumpel Andreas neulich die Nase über Schrittzähler. «Solche Dinger dienen ja  nur der Selbstoptimierung», sagte er voller Verachtung. Ich habe ihn nicht gefragt, was er gegen Selbstoptimierung hat. Aber ich ahne, was er meint. Selbstoptimierer sind diese Leute, die  ganz unkritisch dem Trend hinterherhecheln, sich selbst mit allen möglichen Geräten und Apps zu vermessen. Sie tun es, um immer mehr zu leisten, immer fitter zu werden, immer gesünder zu essen und immer positiver drauf zu sein – und haben das alles zu einer im Grunde sinnlosen Ersatzreligion gemacht. Mein Freund Andreas glaubt wohl, dass angefressene Selbstoptimierer die Lebensfreude verlieren. Und den Sinn für sich selber, ihre eigenen Bedürfnisse. Diesen Verdacht habe ich selber auch. Andreas und ich waren zu einer Zeit jung, in der der Rausch die Welt interessierte, nicht die Selbstoptimierung. Nicht den sinnlosen Rausch natürlich, aber jenes bisschen Masslosigkeit, das das Bewusstsein erweitert. Und ganz nebenbei wollen wir uns nicht von irgendwelchen globalen Grossunternehmen bei jedem Schritt und bei jedem Bissen beobachten lassen.

Selbstkritisch fragte ich mich: Bin ich mit meinem Schrittzähler nun tatsächlich unter die Selbstoptimierer gegangen? Naja, ich muss gestehen, dass die letzten 2’000 von meinen 10’000 Schritten auch schon sinnentleerte Selbstquälerei gewesen sind.  Aber meistens finde ich meine Spaziergänge erfrischend. Und schliesslich brauche ich den Schrittzähler auch, um gegen den Wind von rechts stark zu bleiben. Das ist keine Selbstoptimierung. Das ist Selbsterhaltung.
 

PS: Wer wissen will, wie sich Drehschwindel anfühlt: Hier gibt’s noch eine Geschichte dazu.
 
05. März 2017 Album 0
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