Darüber reden

Bloggerin: Frau Frogg

Es ist  schwierig, mit «normalen» Leuten über eine chronische Krankheit zu reden. Das heisst: Am Anfang wollte ich das ja nicht glauben. «Man muss einfach offen sein», dachte ich. Aber das stimmt nicht. Mit meiner Arbeitskollegin Wanda zum Beispiel war ich immer nur offen. Eine Zeitlang traf ich sie oft zum Mittagessen. Eines Tages sagte sie zu mir: «Du jammerst immer.»

Ich war sprachlos. Sofort dachte ich an ihre täglichen Klagen über ihren Terminstress. Oder an die gefühlten 150 gescheiterten Internet-Datings, von denen sie mir erzählt hatte. Der Tenor war immer: «Ich bin die bedauernswerteste Frau der Welt.» Stets hatte ich Mitgefühl gezeigt. Dann und wann auch Empörung über einen besonders missratenen Kerl. Und dann erzählte ich jeweils ein bisschen von mir. Dass ich dies oder das gerade nicht könne, weil ich so katastrophal schlecht höre oder so. Sehr vorsichtig. Ich ahnte bereits, dass man solche Geschichten vorsichtig dosieren muss. Und dann das: «Du jammerst immer.» Was hatte ich falsch gemacht?

Erst neulich bekam ich eine Ahnung. Ich las ein Buch der englischen Ethnologin Kate Fox*. Sie hat unter anderem das Verhalten von Menschen am Arbeitsplatz beobachtet. Der Wälzer heisst zwar «Watching the English» und beschreibt die Umgangsformen der EngländerInnen. Aber man kann vieles darin eins zu eins auf die SchweizerInnen übertragen. Zum Beispiel schreibt sie, dass in englischen  Büros viel und nach genau festgelegten Regeln gejammert werde. «Rituelles Jammern am Arbeitsplatz», erklärt sie, «ist eine Möglichkeit, emotionale Nähe zu schaffen.» Allerdings  gibt es wichtige Einschränkungen. Zum Beispiel sind die Themen klar umrissen: Die Montagmorgenklage, die Klage über den zickigen Kopierer, die Klage über Terminstress und so weiter. Fox sagt es nicht so direkt. Aber sie legt nahe: Gewisse Themen gehen nicht.

Terminstress, das versteht jeder, das kann man teilen. Auch verunglückte Liebesgeschichten sind unter vertrauteren Arbeitskolleginnen ein akzeptables Thema. Schliesslich hat jede von uns schon mal Liebeskummer gehabt. Aber eine Behinderung? Eine chronische Krankheit? Auch wenn das für uns etwas Alltägliches ist: Im Austausch mit Gesunden kann das ein- höchstens zweimal funktionieren. Aber dreimal? Das verunsichert Gesunde einfach zu sehr. Sie glauben dann, dass sie Mitleid mit uns haben müssen. Oder sie denken, dass im Vergleich zu sowas ihr Scheissjob doch noch ganz angenehm ist – dabei wollen wir nichts von alldem. Wir wollen nur sagen, dass wir ganz normale Menschen sind, halt mit einer gesundheitlichen Einschränkung. Und dass wir dazugehören wollen. Aber wenn wir offen sind, geht das offenbar nicht.

*Kate Fox: «Watching th English»; London, Hodder & Stoughton, 2014
 
 
 
22. November 2014 Selbst erlebt 0
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