Musik hören mit den Augen


Bloggerin: Frau Frogg

Früher habe ich klassische Musik nicht gemocht. «Gepflegte Langeweile», dachte ich immer, wenn bei Freunden zu Hause das Klassik-Radio lief. Über Beethoven tragische Ertaubung wusste ich mehr als über seine angeblich geniale Musik – auch als ich zumindest auf einem Ohr noch normal hörte.  Ich mochte keine gemessen schicksalshaften Streicher und keine wohltemperierten Klaviere. Ich hielt es mit Dissonanzen, Gitarrenröhren und schweren,  schweren Rhythmen. «Moni, you’re a rockhead», schreib mir mein Freund English, als ich ihm einmal eine Liste meiner Lieblings-YouTube-Videos schickte. Sie enthielt die Rolling Stones, Led Zeppelin, die junge Tina Turner und The Clash.

Aber irgendwann war es vorbei damit. Meine Menière-Erkrankung griff auf beide Ohren über. An manchen Tagen erkannte ich nicht mal mehr meine Lieblings-Songs am Radio, so falsch klangen sie. Oder es klafften grosse Lücken nur mit Tinnitus, wo früher Bässe oder leise Rhythmusgitarren gewesen waren. Und auch wenn es zwischendurch etwas besser war – ich wollte gar nichts mehr mit Musik zu tun haben. Es gibt einen Schmerz, den man sich nicht freiwillig zufügt. Ich dachte manchmal an Beethoven. Ich beneidete ihn sogar ein bisschen – ich wusste natürlich, dass es schwachsinnig ist, einen ertaubenden Komponisten zu beneiden. Aber ich dachte dann: Beethoven hatte «nur» eine Otosklerose. Das heisst: Bei ihm war nur das Mittelohr kaputt, das den Schall ins Innenohr leitet. Sein Innenohr aber war noch lange Zeit einigermassen intakt. Wenn er statt des Mittelohrs die Schädelknochen als Schallleitung benutzen konnte, hörte er. Deshalb pflegte er auf einen Holzstock zu beissen und ihn auf die Klaviersaiten zu legen. So komponierte er seine letzten Werke. Wenn dagegen ich nichts höre, dann ist das Innenohr kaputt – kein Holzstock der Welt wird mir helfen.

Dafür habe ich manchmal bessere Tage und werde wieder geradezu lebenslustig. Kürzlich erwachte sogar mein Interesse an einem Musikvideo. Eine Freundin schickte mir einen Link mit einer Beethoven-Sinfonie. Sie ist Künstlerin. Es ging ihr weniger um die Musik als um die Visualisierung.  Ich wartete auf einen guten Tag. Dann biss ich auf die Zähne,  nahm mir vor, die Musik zu  ignorieren und einfach die Bilder anzuschauen und startete den Streifen. Und, ja, die Musik klang falsch – aber die Bilder haben zusammen mit dem Rhythmus eine Sogwirkung, die mich geradezu in Trance versetzte. Seither höre ich klassische Musik mit smalin – und mit den Augen. Und bin hingerissen. Die Streicher eiern zwar, und an tiefen Stellen verschmelzen sie mit meinem Tinnitus. Wahrscheinlich würde mir der elitäre Kenner das Musikhören aus ästhetischen Gründen verbieten. Aber ich glaube, Beethoven hätte mich verstanden.

Überzeugt euch selbst:
Link zum Video.  

Link zum SRF-Beitrag Kultur über Stephen Malinowski alias smalin.

 
 
08. November 2015 Selbst erlebt 0
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