Ein ganzes halbes Jahr

Bloggerin: Frau Frogg         


Man kann diesen Roman als unterhaltsame Liebesgeschichte lesen. Hunderttausende Leserinnen haben das getan und dabei Tränenströme vergossen. Ich habe das Buch anders verstanden – als vehementes Plädoyer für die Sterbehilfe à la Dignitas – und mich hat es stinkwütend gemacht. Eine Bekannte sagte zwar: «Das Buch zeigt doch so gut, welche brutalen Einschränkungen ein Mensch hinnehmen muss, der von der Schulter an abwärts gelähmt ist.»


Ja, da pflichte ich ihr bei. Aber es hat eine eklatante Schwäche:  Es stellt – gut sichtbar – die  Frage in den Raum: «Ist es richtig, wenn der Mensch über das Ende seines eigenen Lebens bestimmen kann? Ist er dazu nicht zu beschränkt?» Da steht sie dann, die Frage, gross wie ein stinkender Elefant. Und die Autorin trippelt die ganze Zeit um sie herum und klemmt doch jede Diskussion über sie schon im Ansatz ab. Es ist zum Kotzen.

Schauen wir uns die Figur mit Behinderung in diesem Buch einmal an. Die Autorin nennt ihn Will – und «Will» heisst auf English «der Wille» (unter anderem). Und dass man Wills Willen respektieren müsse, ist ein grosses Thema. Ob es um die kleinen Übergriffigkeiten geht, die Menschen im Rollstuhl so oft erleben. Oder eben – um den Willen zu sterben.

Es fiel mir schwer, diesen Todeswunsch zu respektieren, weil Will an vielen Stellen des Buches wie ein trötzeliger Teenager herüberkommt. Dabei ist er das nicht. Er ist 35, aus privilegiertem Hause und einmal erbarmungsloser Firmensanierer in London gewesen. Und Extremsportler. Dann – peng – ein Unfall, und er ist Tetraplegiker. Jetzt gehorcht ihm nicht einmal mehr sein eigener Körper. Seine blasierte Freundin haut ab mit seinem besten Freund. Eigentlich hat er gar keine Freunde, stellt er fest. Nur Konkurrenten oder ehemalige Unterlinge. Und seine gefühlskalten Eltern auf dem Lande. Bei denen wohnt er jetzt wieder. Ja, das ist schlimm. Gut, wenigstens hat er Geld. Und dann ist da noch Louisa, ein Mädchen aus der Arbeiterschicht, das seine Mutter ihm aufs Auge gedrückt hat. Sie soll ihn aufmuntern.

Es erstaunt schon, dass ein Mann von Wills Format den Übergriffigkeiten seines Umfelds so wenig entgegenzusetzen hat – und dass er auch sonst nichts tut, um sich sein Los wenigstens ein bisschen zu erleichtern. Nun – es handelt sich hier offensichtlich um einen Charakter, der den jungen Leserinnen von Liebesgeschichten gefallen soll. Er soll nicht reden, sondern einfach traurig und /oder verbittert sein. Und die Heldin Louisa soll ihn durch ihre Liebe retten. Immerhin, sie schafft es, ihn aus seinen drögen vier Wänden in ein rollstuhlgängiges Ferienparadies in Mauritius zu manövrieren. Jetzt begreift sie erst richtig, wie der Mann früher gelebt hat: «Dies war, für die meiste Zeit in Wills Leben, seine Domäne gewesen – dieser Globus, diese weiten Strände – nicht der kleine Anbau im Schatten des Schlosses.» Jetzt versteht sie, dass ein solcher Prachtskerl einen so tiefen Fall nicht hinnehmen kann. Und tatsächlich: Wenig später blickt Will vom Traumstrand auf seinen Rollstuhl und sagt: «Ich kann kein Mann sein, der einfach … akzeptiert.» Und dann: «Ich werde das niemals akzeptieren.»

Hallo?! Das ist doch eine Verhöhnung all jener, die täglich mit ähnlichen Behinderungen über die Runden kommen, meist viel bescheidener leben, und trotzdem weitermachen (und die im Roman auch erwähnt werden – allerdings erfährt man wenig über sie). Das reicht mir als Rechtfertigung für einen assistierten Freitod einfach nicht.  

Ein Menschenleben ist ein hohes Gut. Da müsste eine höhere Instanz zumindest mitentscheiden – erst recht dann, wenn die Protagonisten so schwach sind. Wohl der Staat. Nicht ein Staat wie England, der die Sterbehilfe verbietet und dann wegsieht, wenn doch einer für den Todestrank nach Genf fährt – das zeigt das Buch. Sondern einer, der diesen Will zum Beispiel dazu verpflichten würde, zuerst noch mit einem Psychotherapeuten zu sprechen, statt nur mit Louisa – für die ein Job wie jener mit Will im Grunde eine geradezu kriminelle Überforderung ist. Aber ein Psychotherapeut – also wirklich! Das würde ihn ja als Helden für eine Love Story komplett unmöglich machen.

Da stirbt er doch besser – zum Glück für alle, die dieses Buch als Liebesroman lesen und dann hemmungslos weinen können. Denn das ist doch viel romantischer als der Alltag eines Paares, bei dem ein Partner Tetraplegiker ist. Oder?

Jojo Moyes: «Ein ganzes halbes Jahr», Rowohlt-Verlag, 2013. 
31. Oktober 2014 Selbstbestimmt 0
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