Von Engerlingen und Cyborgs

Bloggerin: Frau Frogg

Es war so gegen 16.10 Uhr. Ich beendete ein Telefongespräch, von dem ich ungefähr die Hälfte verstanden hatte. «Heute höre ich aber verdammt schlecht», dachte ich. Auch links, wo ich doch ein neues Hörgerät trage. Oder hatte der Mann am anderen Ende so ein mieses Telefon? Naja, man mogelt sich halt durch. Dann strich ich mir eine Haarsträhne hinters Ohr, und da merkte ich: «Jesses – ich habe das Ding ja gar nicht an! Ich habe es verloren!»

Ich schob eine Panikattacke. Das neue Hörgerät ist teuer – es kostet mehrere tausend Franken. Und es gehört mir noch nicht einmal. Man muss Hörgeräte ja erst ausprobieren, bevor man sie kauft. Hastig begann ich, auf dem Teppich unter dem Schreibtisch zu suchen. Es musste mir aus dem Ohr gefallen sein. Ich konnte mich genau erinnern, dass ich es am Morgen angezogen hatte. Mein Hörvermögen schwankt stark –heute Morgen hatte ich schlecht gehört. Ich hatte das Gerät schon montiert, als mein Liebster «Guten Morgen!» sagte. Ich hätte sonst bestenfalls «Gullum gullum» verstanden.

Aber mit Hörgeräten ist eben alles immer ein bisschen kompliziert. So kompliziert, dass ich früher oft über meine technikbegeisterten Kollegen und ihre Cyborg-Phantasien gelacht habe. Cyborgs, also Menschen mit Prothesen, seien der nächste Schritt in der Evolution, pflegten sie zu verkünden. Prothesen und Schrittmacher würden uns zu besseren Menschen machen. Dabei stellten sie sich futuristische Schönheiten und kraftstrotzende Burschen dieser Art vor:

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Meine Realität mit einer guten Hörhilfe, Baujahr 2006, sah anders aus: Nicht von ungefähr nannte ich sie «den Engerling». Der hautfarbige Wurm hinter dem Ohr liess die Stimmen meiner Lieben digital und blechern klingen. Er tat mir weh, wenn ich ihn mit einer Brille trug. Und dann war da diese unappetitliche Plastik-Passform in der Ohrmuschel – mit Löchern, in denen schnell Ohrenschmalz vor sich hintrocknete. Anfangs verkauften die Hörgeräte-Hersteller noch praktisches Werkzeug zum Reinigen. Aber das verschwand dann vom Markt, dafür gab es Hightech-Brausebäder mit coolen, blauen Lämpchen. Sie machten das Reinigen eines einzigen Hörgerätes zum Grossabwasch. Und wenn die Batterie im Engerling schwach wurde, wurde es auch der Engerling – gaaanz langsam. Tragen tat ich ihn trotzdem, immer. Ich wollte meine Lieben wenigstens verstehen. Nur wenn ich auf die Strasse kam, schaltete ich ihn  aus. Er war zu laut. Fazit: Es machte mich nicht zu einem besseren Menschen. Er ersetzte mir bestenfalls annähernd die verlorenen Fähigkeiten meines linken Ohrs.

Anders das neue Gerät. Es kommt dem Traum der Cyborg-Schwärmer schon deutlich näher – Stimmen klingen durch das Gerät rund und echt. Ich kann telefonieren, ohne es auszuziehen – und höre die Person am anderen Ende dann auch besser. Ich spüre kaum, wenn ich es trage. Ich hätte es abends schon beinahe auszuziehen vergessen.
Ich fand das Teil dann doch wieder: Ich hatte es am Morgen vor dem Duschen noch einmal ausgezogen. Die Dinger dürfen ja immer noch nicht nass werden. Erleichtert zog ich es zu Hause wieder an. Am nächsten Tag konnte ich wieder besser telefonieren. Wenn ich ein Cyborg werde, dann brauche ich wohl ein kleines Einbau-Gerät, das mich mit genügend lauter Stimme an und zu daran erinnert, wer ich eigentlich bin und was ich gerade trage. 
19. Oktober 2014 Selbst erlebt 0
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