Die Angst in Wien

Bloggerin: Frau Frogg
 
 
Was war ich naiv! Zweieinhalb Monate lang war ich schwindelfrei gewesen – und schon glaubte ich, ich könne Berge versetzen. Oder immerhin ein paar Tage Ferien weg von zu Hause überstehen, vielleicht sogar im Ausland. So buchten Herr T. und ich voller Vorfreude ein paar Tage in Wien – ich wollte Freundinnen besuchen, die mir lieb sind.

Zwei Wochen vor der Abreise gab es in unserem Büro eine Veränderung. Ihr wisst schon – eine jener Umbrüche, die man mit einer positiven Einstellung anpacken soll, sonst gilt man als moralischer Versager. So lächelte ich, hatte eine positive Einstellung und leistete die in solchen Phasen üblichen Überstunden. Nach einer Woche hatte ich wieder heftige Schwindelanfälle. Am Geburtstagsessen von Herrn T. wäre ich im Restaurant fast vom Stuhl gefallen. Fünf Tage vor unserer Abreise.

«Es war ein schrecklicher Fehler, diese Ferien zu buchen», sagte ich beim Packen zu Herrn T. Die Welt schüttelte sich sachte unter meinen Füssen. Reisen verschlimmert meine Symptome fast immer. Was das heissen kann, lässt sich in meinem Bericht aus dem Tessin vom Sommer nachlesen. Ich bin immer ängstlich gewesen. Aber die Angst vor dieser Reise war aus einer völlig neuen Liga. Sie starrte mich an wie ein böses Tier. Es half wenig, sich worst case-Szenarien vorzustellen: Was hätte ich im Voraus gegen die Schmach tun können, wenn mich vor der Passkontrolle eine Schwindelattacke niederstreckte? Was, wenn mich beim gewiss opulenten Treffen mit meinen Freunden ein Anfall unter den Tisch schleuderte?

Es heisst immer, man solle seine Angst überwinden und das Unmögliche möglich machen. Aber ehrlich: Ich finde, man sollte sich vorher gut überlegen, ob die Anstrengung sich lohnt. Ich entschied: Diesmal gibt es kein Zurückkrebsen mehr. So starrte ich der Angst in die Augen, und wir reisten. Und tatsächlich war mir schwindlig. Doch der Flug und die Passkontrollen verliefen entspannt. Beim Flanieren in Wien musste ich mich zwar manchmal am Arm von Herrn T. festhalten. Doch ich bekam die üblen Anfälle morgens im Bett, wenn ich eh noch lag, und sie gingen nach fünf Minuten weg. Alles – beinahe – bestens. Stand nur noch das grosse Treffen mit meinen Freundinnen bevor, ein festlicher Anlass mit reichlich Essen und Gesprächen. Mein Angstpegel stieg wieder. Würde ich genug hören? Würde ich das durchstehen? Doch das Fest verlief ohne unangenehme Zwischenfälle. Ein schönes Fest. Sie sind wunderbar, meine Freundinnen in Wien!

Jetzt werde ich mich nicht mehr zu fürchten  brauchen, dachte ich, als ich nach Mitternacht glücklich ins Hotelbett sank. Doch im Vorausdenken bin ich nie besonders gut gewesen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fiel mir ein: Ach Gott, ich werde morgen zurückfliegen müssen!
 
 
21. Oktober 2016 Selbst erlebt 0
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