Der Behinderten-Bonus


Bloggerin: Frau Frogg


Wenn wir eine Behinderung haben, dann müssen wir reifer sein als die Nicht-Behinderten um uns herum. Sonst kommen wir nicht mit ihnen zurecht. Das ist einfach Schicksal – so, wie es Schicksal ist, dass die einen Menschen in reichen Ländern geboren werden und die anderen in armen. Wir müssen wegstecken können, dass irgend so eine Tusse meint, sie wüsste, was gut ist für uns. Besser als wir. Dabei hat sie nicht den Anfang einer Ahnung. Oder wir müssen nachvollziehen können, warum man uns diskriminiert. Damit wir wissen, ob es klug ist, sich zu wehren.

Leben mit einer Behinderung hat aber auch ein paar Vorteile. Zum Beispiel: Manchmal gibt man uns aus Mitleid Dinge, die man Menschen ohne Behinderung nicht geben würde. Ich nenne das den Behinderten-Bonus. Ich habe das schon im Geschäft erlebt, mit zwei bornierten Kollegen. Ich musste sie etwas fragen. Sie bewegten die Lippen, sie antworteten wohl schnauzig. Sie antworten immer schnauzig, wenn man sie etwas fragt. Sie müssen der Welt demonstrieren, dass sie für Besseres als fürs Fragenbeantworten geschaffen sind. Ich starrte sie an. Und plötzlich sah ich, wie sich auf ihren Gesichtern die Erkenntnis abzeichnete, dass ich sie gar nicht hören konnte. Da wurden sie plötzlich scheissfreundlich. Und laut. Und deutlich. Ich erlebe das nicht jeden Tag. Aber es kommt vor. Ich lächelte scheissfreundlich zurück. Danke für das Behinderten-Bonüsli!

Meine Freundin Zoë ist Weltmeisterin im Ausreizen des Behinderten-Bonus. Sie bekommt mit einem Lächeln subito Audienzen bei Autoritätspersonen, auf die andere wohl Monate warten. In Restaurants wird sie oft behandelt wie ein rohes Ei. Es hat teils mit ihrem grossen Charme zu tun – aber da ist auch ein klitzekleiner Behindertenbonus.
Als ich sie darauf ansprach, reagierte sie sehr unwirsch. Nun gut, ich verstehe das. Sie hat Multiple Sklerose, sitzt im Rollstuhl und kann gerade noch ihre Hände bewegen. Sie muss, weiss Gott, mit Dingen zurechtkommen, von denen andere keine Ahnung haben. Soll sie sich jetzt auch noch dafür rechtfertigen müssen, dass manche Leute ihr eben gerne helfen?! Nein, rechtfertigen muss sie sich nicht. Müssen wir alle nicht.

Aber es hilft uns, wenn wir wissen, dass es ihn gibt, den Behinderten-Bonus. Dann können wir ihn auch besser für zu unserem Vorteil nutzen. So, wie kluge Frauen im Beruf ihren weiblichen Charme im richtigen Moment zu ihrem Nutzen einsetzen. Aber Achtung! Es sollte uns stutzig machen, wenn man uns aus Mitleid Privilegien gibt, die man unter denselben Voraussetzungen einem Menschen ohne Behinderung nicht geben würde. Wenn man uns schont, obwohl wir keine Schonung verdienen. Dann sollten wir uns überlegen, ob wir diesmal auf den Behinderten-Bonus nicht besser verzichten sollten. Auch das hat mit Reife zu tun. Und mit Selbstschutz.
 
 
19. September 2015 Selbstbestimmt 1
Kommentar
Simone
Gut beobachtet, Frau Frogg. Ein ständiger Balanceakt. Das Bonüssli nervt, aber wenn es einem verweigert wird, ist es auch nicht immer doll.
11.10.2015 19:37:21

 
 
 
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