Wer nicht schweigen will, muss fühlen

Bloggerin: Bun di

Ich sag euch, heute bin ich bei der Arbeit so etwas von ausgeflippt. Ich hör mich selbst noch rufen: «Verdammter Scheiss, so eine verdammmmmmmmte Scheisse!» Dazu springe ich vom Bürostuhl auf, meine Hände zu Fäusten geballt: «Diese verdammte Liste, alles nur wegen dieser verdammten Liste.» Ich habe Mist beim Versenden eines Mails gebaut. Mist. Mist. Mist.

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Seitdem sind nun einige Stunden vergangen, und ich schäm mich für mein emotionales Breakout.
Ihr müsst wissen, dass ich mein Büro mit 30 anderen Kollegen teile. Ich arbeite in einem sogenannten Open Space-Büro, zu Deutsch Grossraumbüro. Und genau in so einem Grossraumbüro geht es normalerweise laut zu und her. Immer wieder läuft irgendeiner raus, um Wasser zu fassen oder Wasser zu lassen. Immer wieder tuschelt die Eine oder telefoniert der Andere. Und es gibt immer jemanden, der gerade an seinem Apfel nuckelt oder seinen Kaugummi malträtiert. Ich sitze die meiste Zeit an meinem Arbeitsplatz und tippe oder telefoniere - bis mich… ja, bis mich eine Emotion überkommt. Und dann…

Ja dann, wird gefühlt und nicht mehr getippt oder telefoniert.
Ich gehöre nämlich zur Fraktion Mitarbeiter, die ihre Emotionen sehr schlecht bis nicht gut kontrollieren können. Egal, ob ich lache oder fluche, es geht nur laut. Ich kann gar nicht leise lachen oder fluchen. Das ist man doch dem Lachen genauso wie dem Fluchen schuldig. Ich finde, das ist eine Frage des Anstands und Respekts gegenüber seinen Gefühlen. Ein Gefühl muss ausgelebt werden. Es darf doch nicht ständig verraten werden.

So, ich breche hiermit eine Lanze für meine Gefühle am Arbeitsplatz. Ich explodiere, wenn ich mein Gefühl nicht ausdrücken kann. Ich will meine Trauer, meine Wut, meine Freude zeigen dürfen. Und doch soll ich das nicht. Ich soll mich bändigen, ich soll mich kontrollieren, ich soll meine Wut unterdrücken, ich soll sie herunterschlucken, ich soll schweigen. Aber ich will nicht schweigen.

Tia, wer nicht schweigen will, muss fühlen.
Meine Ansicht über das Ausleben meiner Emotionen kollidiert nämlich brutal mit der Meinung der Mehrzahl meiner Kollegen. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder bei der Arbeit laut vor sich hin flucht wie ein betrunkener Matrose auf Landgang? Ja, genau, wo kämen wir denn da hin und überhaupt, wo kommen wir eigentlich her?

Nun gut, als ich heute Nachmittag meinen Emotionen freien Lauf liess, habe ich gar nicht bemerkt, dass es um mich herum mucksmäuschenstill geworden war. Die Äpfel wurden beiseite gelegt, die Wasserflaschen abgestellt und die Kaugummis hinuntergeschluckt. Totenstille. Alle lauschten meiner Fluchtirade, und ich, ich hab nichts davon gemerkt. Als ich realisiert habe, dass alle Ohren nur auf mich gerichtet waren, hätte ich mich am liebsten in der Bodenritze verkrochen. Statt zu meiner Wut zu stehen, hab ich mich sowas von geschämt. Mein emotionaler Ausbruch wurde von der Gruppe nicht gutgeheissen.
Mein Aufbegehren gegen die emotionale Kontrolliertheit am Arbeitsplatz ist kläglich gescheitert. Ich selbst bin noch nicht gefestigt genug, mich von den Spielregeln am Arbeitsplatz loszusagen und eigene emotionale Wege zu gehen. Eigene Wege gehen bedeutet, sich auch von einer geliebten Gruppe zeitweise abzuwenden. Ich bin jetzt schonungslos ehrlich mit mir selbst, ich möchte nicht negativ auffallen. Negativ auffallen bedeutet, von der Gruppe zurückgewiesen zu werden, nicht mehr dazuzugehören. Ich möchte aber dazugehören. Bedeutet das, sich der Gruppe beugen zu müssen und deren Massstäbe akzeptieren zu müssen? Bedeutet das, den Emotionen am Arbeitsplatz zu entsagen, da diese von der Gruppe abgelehnt werden?

«Tiens, tiens», würde mein welscher Kollege an dieser Stelle sagen. «Da hast du dich aber ganz schön in was reingesteigert.» Er hätte Recht. Ich habe mich in etwas hineingesteigert, aus dem Moment heraus, aus einer Emotion heraus. Das ist, was mir an dem Gefühl so gefällt, seine Spontanität, seine Ehrlichkeit. Ein Gefühl entsteht aus sich heraus. Es kommt unverblümt hoch und bricht wie eine Welle über dir zusammen. Das Gefühl fragt nicht um Erlaubnis, es hat seine Daseinsberechtigung in sich selbst.

Oh, mein Gott, über die Ernsthaftigkeit meiner Überlegungen muss ich anfangen zu lachen. Wie gut, dass ich daheim bin und nicht bei der Arbeit, hehe
23. September 2016 Selbst erlebt 0
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