Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

11 Es gilt nur für öffentlich-rechtliche Arbeitsverhält- nisse. Für privatrechtliche Arbeitsverhältnisse – ein Schlüsselbereich für die Gleichstellung – gilt das BehiG nicht. Die Schwachstellen beider Gleichstellungsgesetze sind bekannt. Das GlG greift vor allem bei der Lohn- gleichheit nicht: Für vergleichbare Arbeit verdienen Frauen durchschnittlich immer noch fast 20 Prozent oder 14 000 Franken pro Jahr weniger als Männer. Eine erste Analyse des BehiG im Jahr 2009 ­ergab Fortschritte bei den ­öffentlichen Verkehrsmitteln und bei ­Bauten. In der Öffentlichkeit ist das BehiG jedoch wenig bekannt und Gleichstellung noch keine Selbstverständlichkeit. Die Um- setzung erfordert entsprechend grosses Engagement.[4] Behindertenorganisationen ­sehen zudem gesetzgebe- rischen Handlungsbedarf in den Bereichen Erwerbsarbeit und private Dienstleistungen, und sie wünschen sich kantonale Gleichstellungs­gesetze, damit auch kantonal geregelte Bereiche wie die Bildung eine gesetzliche Grundlage für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen erhalten. TROTZ MÄNGELN EIN MEILENSTEIN Die Erfahrungen zeigen überdies, dass das BehiG Betroffenen je nach Art der Behinderung in sehr unterschiedlichem Mass nützt. Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung und Men- schen mit Lernschwierigkeiten profitieren davon kaum. Angesichts der Fokussierung auf die phy- sische Barriere­freiheit ist das nicht überraschend. ­Mittel- und langfristig stellt sich aber – wie bei den Geschlechtern – auch hier die Frage, wie es innerhalb der Gleichstellung um die Gleichstellung bestellt ist. Dennoch: Auf dem Weg zur umfassenden Gleich- stellung ist das BehiG ein Meilenstein. Durch die bessere Zugänglichkeit des öffentlichen Ver- kehrs und der öffentlichen Bauten werden Kinder, Frauen und Männer mit Behinderungen als Teil der Gesellschaft endlich sichtbar. Betroffene haben ein Instrument, mit dem sie sich gegen Benachtei- ligung und Diskriminierung über den Rechtsweg zur Wehr setzen können – zumindest in den ab- gedeckten Bereichen. Auch wenn Einzelpersonen davon nur selten Gebrauch machen, wirkt sich allein die Existenz des Gesetzes positiv aus, indem sie das Selbstbewusstsein Betroffener stärkt. Eine junge Rollstuhlfahrerin beschrieb den Unter- schied so: «Früher fragte ich in einem Warenhaus immer: Hat es einen Lift? Heute frage ich: Wo ist der Lift?»[5] ALLGEMEINE UND «BESONDERE BEDÜRFNISSE» Zu wünschen ist, dass bei der nächsten Wirkungs­ analyse des BehiG nach Geschlechtern differen- ziert wird. Nur so kann festge- stellt werden, ob und wie der in Artikel 5 enthaltene Auftrag umgesetzt wird: «Bund und Kantone ergreifen Massnahmen, um Benachteiligungen zu ver- hindern, zu verringern oder zu beseitigen; sie tragen dabei den besonderen Bedürfnissen behin- derter Frauen Rechnung.»[6] Das BehiG anerkennt damit ausdrücklich, dass besondere Bedürfnisse von Frauen mit Behin- derungen existieren. Das ist aber schon alles. In der Verordnung zum Gesetz (BehiV) ist ebenfalls nur fest­gehalten, dass das nationale Behinder- tengleichstellungsbüro EBGB bei der Prüfung von Finanzhilfegesuchen diesen besonderen Bedürf- nissen ebenfalls Rechnung tragen muss.[7] BESONDERER HANDLUNGSBEDARF! Welches sind nun aber die «besonderen Bedürf- nisse behinderter Frauen»? Über die Lebensbedin- gungen von Frauen mit Behinderungen ist wenig bekannt. Bestimmt aber möchten sie leben wie alle Menschen, und wie es auch die Verfassung vorsieht: in Würde, als autonome, in allen Be- reichen gleichberechtigte Bürgerinnen, die über ihre Lebensform selbst bestimmen und sich ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten entsprechend ent- wickeln können. Daran ist nichts Besonderes. Die Frage stellt sich daher weniger nach besonderen Bedürfnissen von Frauen und Mädchen mit Behinderungen als danach, was ihre Gleichstellung im Alltag behindert und wo deshalb besonderer Handlungsbedarf be- steht. Die folgenden Kapitel geben darauf mögliche Antworten. «Früher fragte ich in einem Warenhaus immer: Hat es einen Lift? Heute frage ich: Wo ist der Lift?»

Seitenübersicht