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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

13 Keine Gleichheit ohne Chancengleichheit Die Bundesverfassung verlangt nicht nur die rechtliche, sondern auch die tatsächliche Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Dies bedingt den Einbezug der realen Lebensverhältnisse. Die UNO-Behindertenrechtskonvention macht deutlich, dass Gleichheit von Menschen mit Behin- derungen durch formale Gleichstellung allein nicht erreicht werden kann, sondern an eine Reihe von weiteren Voraussetzungen gebunden ist. Die wohl entscheidendsten sind Chancengleichheit und, damit verknüpft, soziale Teilhabe. «Gleichstellung ohne Chancengleichheit ignoriert die unterschied- lichen Ausgangsbedingungen, die Menschen mit Behinderungen oft haben. Gleichheit ohne Zugäng- lichkeit bedeutet die Tore für Behinderte zu öffnen, ohne die Barrieren zu beseitigen, die vor ihnen ste- hen», betont Theresia Degener, die als Rechtspro- fessorin und selbst betroffene Frau den Text der Konvention massgeblich mitgeprägt hat.[8] WAS IST CHANCENGLEICHHEIT? Einfach ausgedrückt bezeichnet Chancengleich- heit das Recht auf eine gerechte Verteilung von Zugangs- und Lebenschancen. Die Teilhabe am Wohlstand sollte unabhängig von der sozialen und kulturellen Zugehörigkeit eines Menschen möglich sein, so die Kernidee des Konzepts, das in den 1960er Jahren entstand. Unterdessen hat sich allerdings längst gezeigt, dass in der heutigen Wettbewerbsgesellschaft gleiche Startchancen allein weder einen bestimmten gesellschaftlichen Status noch Wohlstand garantieren. Zum Beispiel in der Bildung: Eine gute Ausbildung nützt Frauen mit Behinderungen materiell nichts, wenn es zu wenig barrierefreie Arbeitsplätze gibt, an denen sie ihre Fähigkeiten einbringen können. Auch barrierefrei gebaute Wohnsiedlungen sind nur bedingt gleichstellungsfördernd, wenn die Mieten nur für eine kleine Elite von Betroffenen erschwing- lich sind. Anders gesagt: Es kommt nicht nur auf die «Ausstattung» an, sondern auch darauf, was aus ihr resultiert. In der Schweiz wird Chancengleichheit im Kontext von Gesundheit sowie vor allem in der Gleichstel- lung von Frau und Mann ausdrücklich thematisiert (mit entsprechenden Stabsstellen an Universi- täten, in Behörden und in Unternehmen), kaum je- doch im Zusammenhang mit der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Entsprechend wenig gesichertes Wissen gibt es zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderungen in der Schweiz. Zwei Un- tersuchungen zur Invalidenversicherung (IV) geben jedoch Hinweise darauf, wie es um die Chancen von behinderten Frauen und Männern steht: die Studie von Baumann und Lauterburg zur Invalidenversi- cherung und die Studie von Gredig et. al. zu den Lebenslagen von Leistungsbezüger­Innen der IV. Dabei ist anzumerken, dass von den Menschen mit Behinderungen nur 20 Prozent regelmässig Leistungen der IV (Rente oder Taggelder) bean- spruchen.[9] KNAPPES GELD, UNGLEICH VERTEILT? Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten von Kate­ rina Baumann und Margareta Lauterburg wurden 2001 unter dem Titel «Knappes Geld – ungleich verteilt» als Buch veröffentlicht.[10] Die Autorinnen kamen darin zum Schluss, dass Frauen klar we- niger Leistungen von der IV erhalten als Männer. Auch zahlenmässig waren sie bei den Leistungen untervertreten – nicht etwa, weil Männer ­häufiger

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