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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

17 ­leistungsberechtigt. Darunter fallen Krankheiten, von denen überwiegend Frauen betroffen sind, etwa die Schmerzerkrankung Fibromyalgie (80 Prozent Frauen) und das Chronische Müdig- keitssyndrom (75 Prozent Frauen). Das Risiko, an einem der ausgeschlossenen Leiden zu erkranken, ist bei Frauen insgesamt doppelt so hoch wie bei Männern. GROSSE UNTERSCHIEDE BEI DER LEBENSSITUATION Daniel Gredig und ein Team der ­Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten untersuchten einige Jahre später die ­Lebenslagen von über 2000 Be- zügerInnen von IV-Leistungen.[11, 12] In der ­Studie zeigte sich eine grosse Heterogenität bei der Lebenssituation. Die Resultate ergaben insgesamt fünf charakteristische Lebenslagen. Zur Bestimmung einer Lebenslage wurden zwölf Dimensionen untersucht: • Formale Bildung • Arbeitsintegration • Persönliches Einkommen • Haushaltseinkommen • Wohnraum pro Person • Gesundheitszustand • Soziale Kontakte • Freizeitaktivität • Mobilität • Unabhängigkeit von Hilfe • Selbstbestimmung • Absenz Stigmatisierung Alle Dimensionen erwiesen sich als bedeutend, und sie stehen – nicht überraschend – in einer dyna- mischen Wechselwirkung zueinander. AUCH DIE BERUFLICHE VORSORGE BENACHTEILIGT FRAUEN Auch in dieser Untersuchung zeigten sich teil- weise beträchtliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Diese Differenzen waren allerdings abhängig von der Lebenslage der betroffenen Männer und Frauen, von ihrem Alter und von ihrem Zivilstand. Die Autor­Innen führten die Unterschiede namentlich auf Bestimmungen in der beruflichen Vorsorge zurück: Analog zur IV benachteiligt auch die 2. Säule Versicherte mit teilzeitlicher Anstel- lung und/oder tiefen Löhnen. Diese Versicherten sind zu einem grossen Teil Frauen. Frauen mit Be- hinderungen wiederum sind stärker ­betroffen als Frauen ohne Behinderungen (vgl. Kapitel «Bildung», Seite 22, und «Arbeit», Seite 29). MATERIELLE RESSOURCEN ALS MEDIUM DER KOMPENSATION Insgesamt zeigte sich, dass den materiellen Ressourcen eine besonders grosse Bedeutung zukommt – «an sich und auch als Medium der Kompensation von mangelnden oder knappen Res- sourcenausstattungen in anderen ­Dimensionen», schlussfolgern Gredig et. al. Mit anderen Worten: Geld allein macht eine Behinderung nicht unge- schehen bezüglich ihrer Folgen für die Lebens­ qualität, aber sie vergrössert den Handlungs- und Entscheidungsspielraum der betroffenen Person. Die AutorInnen plädierten deshalb dafür, dass die Diskussion um die IV sich nicht auf die Anspruchs- berechtigung, die Gewährung von Leistungen und auf Kostenfragen beschränken dürfe. Vielmehr müsse der Fokus erweitert und auch der Bedarf von Menschen mit Behinderungen in unterschied- lichen Lebenslagen berücksichtigt werden. Dabei müssen auch jene Frauen und Männer mit Behinderungen miteinbezogen werden, die keine Leistungen der IV beanspruchen. Eine Rente zum Beispiel erhalten nur rund ein Drittel der behinder- ten Personen im Erwerbsalter. Die Frage, wie jene Betroffenen leben, die keine Leistungen beziehen und daher auch nicht in der Statistik erscheinen, drängt sich heute noch stär- ker auf, da seit Inkrafttreten der IVG-Revision 6a wie erwähnt bestimmte Krankheitsbilder von der Leistungsberechtigung ausgeschlossen sind. In der Vorstudie zu diesem Dossier zeigte die Befragung betroffener Frauen zum Beispiel, dass eine gute fachliche Qualifikation und lang­jährige Berufs­praxis längst nicht immer vor finanzieller Not schützen. Und manche jüngere Frauen kom- men nur deshalb ohne Sozialhilfe über die Runden, weil sie auch mit dreissig Jahren oder älter noch bei den Eltern leben.

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