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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

27 niemand wirklich realisierte, dass sie nicht einfach «dumm» waren, sondern mit einer starken Sinnesbehinderung lebten. «Schulisch wurde ich in dem Sinn gar nicht gefördert, eben weil es hiess, dass ich ja so oder so zu dumm und faul sei.» Ungenutzte Ressourcen: Eine der Frauen absolvierte zur Zeit der Befragung eine Anlehre an einem geschützten Arbeits- platz und berichtete: «Ich habe oft keine Arbeit und weiss nicht, wie ich die Zeit ver- bringen soll.» Eine andere Frau machte folgen­ de Erfahrung: «Als ich am Ende der obligato- rischen Schulzeit an der Son- derschule meinen Berufswunsch erwähnte, hiess es sofort, dass ich eine so anspruchsvolle ­Aus- bildung im Leben nie schaffen würde.» Kulturelle Hintergründe: Eine junge Frau aus einer ande- ren Kultur betonte, dass es für sie ein Glück war, dass sie mit sechs Monaten von ihren Eltern getrennt wurde. «In meinem Herkunftsland hätte ich als Mädchen mit Behinde- rung kaum Chancen gehabt, zu überleben, und schon gar nicht, eine Ausbildung absolvieren zu können.» Zugang zu Bildung allgemein: Eine Frau beschrieb die Folgen der Pauschalisierung sehr ein- drucksvoll mit folgender Aussage: «Sie hatten für ein paar Jahre den Beruf für Leute mit meiner Behinderung gesperrt, da einige mit Behinderung die Ausbildung abgebrochen hatten. Diejenigen, die aufhörten, hatten persön- liche oder familiäre Gründe, was die Schule aber gar nicht interessierte. Daher zog die Schule den Schluss, dass die Ausbildung prinzipiell für alle mit meiner Behinderung nicht mehr möglich sei.» Mangelnde Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt: Diejenigen der Frauen, die eine Stelle haben, arbeiten mit wenigen Ausnahmen Teilzeit. Neben der Anforderung, mit einer Behinderung den Alltag zu bewältigen, reichen die Res- sourcen meist nicht aus, einen Vollzeitjob auszuüben. Auch wenn die Frauen von der Aus- bildung her einen Führungsjob übernehmen könnten, ist das häufig kein Thema, weil sie dafür Vollzeit ­arbeiten müssten. Eine der Frauen erklärt das so: «Meine Zusatzausbildung ist eine Voraussetzung, um ein Amt leiten zu können. Aber das kommt bei mir so oder so nicht in Frage, da ich nicht mehr als 50 Prozent arbeiten kann. An meiner Funktion ändert sich in nächster Zeit nichts, es ist einfach ein Ausweis über das, was ich weiss, und dass ich damit vielleicht bei einem ­Stellenwechsel eine interes- santere Arbeit finden kann.» SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK Die Analyse der Interviews zeigt, wie heterogen die Gruppe der Frauen mit Behinderungen ist und wie individuell ihre Erfah- rungen in Schule und Beruf sind. Entsprechend unterschiedlich erleben sie die Teilhabe an der beruflichen Qualifizierung und damit auch am Erwerbsleben. Die Gleichstellung von Frauen mit Behinderungen ist noch weit- gehend terra incognita, sei es in der Forschung, in der Literatur, in den Genderdebatten, bei der IV wie auch im Bildungsbereich selbst. Das Forschungsprojekt soll einen ersten Beitrag leisten, damit die Chancengleichheit im Bildungsbereich geschlechter- gerecht gestaltet wird – so dass Karrieren ohne Barrieren auch für Frauen mit Behinderungen selbstverständlich werden. Die Projektleiterinnen: Olga Manfredi Helen Zimmermann Ein Platz in der Regelschule garan- tiert noch keine Gleichstellung.

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