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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

Nachgefragt: Stefan Ritler 31 Stefan Ritler ist seit 2010 Vizedirektor des Bundesamts für Sozial­ versicherungen und Leiter der Invalidenversicherung. Aus Sicht der IV werden männliche und weibliche Versicherte bei den Eingliede- rungs- und Abklärungsmassnahmen gleich behandelt. 2011 bezahlte die IV für Einglie- derungs- und Abklärungsmass- nahmen an Männer 950 Millionen Franken und an Frauen 650 Mil- lionen. Am deutlichsten ist der Unterschied bei der beruflichen Ausbildung: an Männer gingen 315 Millionen, an Frauen 185. Wie er­klären Sie diese Differenz? Unsere Daten zeigen, dass es zwar viel mehr männliche Per- sonen gibt, die Leistungen der IV beziehen, dass aber die Kosten pro Person sich nicht unterschei- den. Konkret wurden die 315 Mil- lionen Franken für die berufliche Ausbildung von 13 145 Männern be­ansprucht und die 185 Millio- nen von 7 555 Frauen. Das ergibt für beide Geschlechter Durch- schnittskosten pro versicherte Person von rund 24 000 Franken; bei den Massnahmen erfolgt also keine geschlechtsspezifische Besser- oder Schlechter­stellung durch die IV. Im Verhältnis zur Anzahl der IV- Anmeldungen bekommen 5 Prozent mehr männliche An- tragsstellende eine Ausbildung zugesprochen als weibliche. Die grössere Anzahl Männer lässt sich zum Teil durch die nach wie vor höhere Erwerbsquote und eine andere Berufsstruktur erklären. Männliche Versicherte benöti- gen in jeder Altersgruppe auch mehr medizinische Massnahmen als weibliche und ebenso mehr Hilfsmittel. Warum? Die grössere Auftretenshäufigkeit von gesundheitlichen Einschrän- kungen bei Männern zeigt sich schon bei den Geburtsgebrechen. Bei den medizinischen Mass- nahmen stehen hier 42 Prozent Bezügerinnen 58 Prozent Bezü- gern gegenüber. Das entspricht ziemlich genau der festgestellten ungleichen Verteilung der Kosten. Bei den 15- bis 24-Jährigen, also während der ersten beruflichen Ausbildungen, sind nur 39 Pro- zent der Lernenden junge Frauen und 61 Prozent Männer. Weiter erklärt nur ein Dutzend von insgesamt mehr als 100 Ge- burtsgebrechen die Kostendiffe- renz zwischen den Geschlechtern zu über 80 Prozent. Bei manchen dieser Geburtsgebrechen, wie Hodenhochstand und angebo- rener Leistungsbruch, liegt es in der Natur, dass Buben häufiger betroffen sind als Mädchen. Bei anderen wie Hämophilie (Bluter- krankheit) sind die Ursachen der Übervertretung von Buben gene- tisch bedingt. Bei einer dritten Gruppe, zum Beispiel frühkind- licher Autismus, sind die Gründe für die frappante Übervertretung der Buben ungeklärt. Bei den Hilfsmitteln ist generell ebenfalls der grössere Anteil der Männer für die höheren Kosten ausschlaggebend. Sie haben die tiefere Erwerbs­ quote der behinderten Frauen erwähnt, ebenso eine starke Untervertretung bei den Erst­ ausbildungen. Müsste unter dem Aspekt der Gleichstellung die Erwerbsquote der Frauen mit Behinderungen nicht stärker gefördert werden? Die Invalidenversicherung rea- giert personbezogen auf Anmel- dungen, denen eine gesundheit- liche Einschränkung zugrunde liegt. Wie gezeigt, gibt es prak- tisch keine Unterschiede beim Verhältnis von Massnahmen und Kosten zwischen männlichen und weiblichen Versicherten. Die IV kann als Versicherung darauf achten, dass alle versi- cherten Personen nach ausge- wiesenem Bedarf angemessene Leistungen erhalten. «Die grössere Anzahl männlicher Bezüger lässt sich zum Teil durch die nach wie vor höhere Erwerbsquote und eine andere Be- rufsstruktur erklären.»

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