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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

37 ab und behandelte sie stattdessen als asexuelle Neutren. Ein viel beachtetes Buch aus Deutschland brachte die Situation zu Beginn der 1980er Jahre auf den Punkt: «Geschlecht behindert – besonderes Merkmal Frau».[24] Auch wenn Frauen mit Behin- derungen sich seither teilweise emanzipiert haben und das Bewusstsein für ihre Rechte gestiegen ist, ist manches aus dieser Analyse noch gültig. Spezi- ell im Zusammenhang mit Gesundheit, Selbstbe- stimmung und Fortpflanzung sind aber auch neue Aspekte und Fragen hinzugekommen. Insbesondere die Methoden der vorgeburtlichen Diagnostik und der künstlichen Befruchtung führen immer wieder zu Kontroversen (vgl. Beitrag PID auf Seite 41). NEUE ERKENNTNISSE Die vermehrt berücksichtigte Geschlechterperspek- tive in der Wissenschaft brachte neue Erkenntnisse für die medizinische Praxis und die Prävention. So ist heute zum Beispiel belegt, dass verbreitete Erkrankungen – etwa ein Herzinfarkt – bei Frauen andere Symptome zeigen und einen anderen Verlauf nehmen als bei Männern. Auch auf Stress reagieren Frauen anders als Männer, und sie sind deutlich häufiger von bestimmten psychischen Krankheiten und psychosomatischen Beschwer- den betroffen. Inwiefern diese Erkenntnisse auch Frauen und Männern mit Behinderungen dienen, ist allerdings unklar. Denn ihre Gesundheit und ihre Gesundheitsbedürfnisse sind noch kaum erforscht. QUANTITATIV GUT VERSORGT Eine Untersuchung zur Nutzung der Gesundheits- versorgung durch Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen ergab zwar keine Hinweise auf eine Unterversorgung. Im Gegen- teil: Diese Gruppe nutzt das Gesundheitssystem intensiver als die übrige Bevölkerung und in seiner ganzen Bandbreite. Deutlich am meisten Konsulta- tionen verzeichnen Personen mit einer psychischen Behinderung. Die Studie gibt jedoch nur quantitative Antworten und ist auf 15- bis 64-­jährige Personen in Privathaushalten begrenzt.[25] BEHINDERUNG IN DER GESUNDHEITS- BERICHTERSTATTUNG Dass in der Forschung Nachholbedarf besteht, bestätigt der Fachbereich «Gender Health» des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Die Fachstelle setzt sich auf nationaler Ebene für ein diskriminie- rungsfreies Gesundheitssystem ein. Ihr «Fokus­ bericht Gender und Gesundheit» erschien 2008 und beruht auf dem ersten Gender-Gesundheitsbericht für die Schweiz.[26] Der Fokusbericht enthält ver- tiefte ­Gender-Analysen für die drei Themenbereiche «Suizide und Gewalt», «Psychische Gesundheit» und «Altern». Menschen mit Behinderungen ist im The- menbereich «Gewalt» ein Unterkapitel gewidmet. Mangels aktueller wissenschaftlicher Daten grün- den die Kernaussagen auf älteren und/oder aus- ländischen Studien, die zum Teil von betroffenen Fachfrauen erarbeitet wurden.[27] Sie bestätigen eine überdurchschnittliche Gewaltbetroffenheit, ins- besondere von Menschen mit sogenannt geistiger Behinderung, und ein erhöhtes Gewaltrisiko in Insti- tutionen. Als Massnahmen empfiehlt die Fachstelle Information und Sensibilisierung von Fachpersonen, Betroffenen und Angehörigen zum Thema sexuelle Gewalt respektive sexuelle Gesundheit. Weiter sollen Frauenhäuser auch für Minderheiten (Migrantinnen, Frauen mit Behinderungen) nutzbar werden. Der Mangel an wissenschaftlichen Daten soll behoben werden, wobei die Heterogenität der Menschen mit Behinderungen zu berücksichtigen ist. DIFFERENZIERUNG UNUMGÄNGLICH Es ist nur schon deshalb nötig, die Heterogenität einzubeziehen, weil nicht alle Gruppen von Betrof- fenen mit der gleichen Kommunikationsform und auf dem gleichen Weg erreicht werden können. So sind gemäss einer repräsentativen und differenzie- renden Studie zur Lebenslage behinderter Frauen in Deutschland – der ersten dieser Art in Europa – insbesondere gehörlose Frauen von Gewalt be- troffen, gefolgt von blinden Frauen und Frauen mit psychischen Erkrankungen.[28]

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