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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

38 In Institutionen erfahren Frauen gemäss dieser Studie vor allem strukturelle Gewalt, etwa durch eine fehlende Intimsphäre (zum Beispiel keine abschliessbaren Waschräume und Toiletten, kein Recht auf gleichgeschlechtliche Pflegepersonen). Ein grosser Teil der in Institutionen lebenden Per- sonen ist von einer sogenannt geistigen Behinderung betroffen; diese Menschen haben ein Recht auf In- formationen in leichter Sprache – eine Sprachform, die in der Schweiz noch kaum angewendet wird. Zu berücksichtigen ist weiter, dass ein Teil von ihnen nicht schriftlich erreicht bzw. befragt werden kann. Mehr als ein Drittel der gemäss der erwähnten Studie häufig von Gewalt betroffenen Frauen berichtete auch von psychischer Gewalt und weiteren diskriminie- renden Handlungen durch medizinisches Personal. Zum Beispiel werden Behandlungen aufgedrängt oder nicht erklärt, oder die Frauen werden nicht direkt angesprochen und fühlen sich nicht ernst genommen. KEINE DATEN ZUR QUALITÄT In der Schweiz ist der Zugang zur Gesundheitsver- sorgung wie eingangs erwähnt für Betroffene in Privathaushalten quantitativ nicht eingeschränkt. Die Frage ist jedoch, wie es ihnen im Gesund- heitssystem ergeht. Haben Frauen und Männer mit Behinderungen gleichermassen Zugang zu den Leistungen? Werden ihre Gesundheitsbedürf- nisse gleich gut abgedeckt? Werden ihre Rechte als Patient­Innen gewahrt? Wie ergeht es Frauen und Männern, die in Institutionen leben? Wie gut sind Fachpersonen ausgebildet in Bezug auf behinderungs­spezifische Besonderheiten und die Bedürfnisse von Betroffenen? Zu diesen qualitativen Aspekten gibt es noch keine Studien, jedoch viel wertvolles Erfahrungswissen unter Frauen und Männern, die mit einer Behinde- rung leben (Beispiele auf Seite 40 ff.). Der systematische Einbezug Betroffener in die Gesundheitsforschung sowie in die Planung und Ausstattung öffentlicher Gesundheitsangebote würde Nichtdiskriminierung und Gleichstellung in diesem Bereich voranbringen. Viele Kompetenzen liegen hier bei den Kantonen. Diese berichten jeweils differenziert über den Gesundheitszustand ihrer Bevölkerung. Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer mit Behin- derungen sucht man in diesen Berichten bis anhin jedoch meist vergeblich. Stichwort: Gesundheit Wie «Behinderung» ist auch «Gesundheit» ein Konstrukt. Je nach Situation, Hintergrund und Interessenlage verbinden Menschen etwas anderes damit. Entsprechend viele Modelle und Definitionen von Gesundheit gibt es. In der Öffentlichkeit dominiert nach wie vor die dichotome Sichtweise: Man ist entweder ge- sund oder krank (analog zu behindert oder nicht behindert). Und auch auf der «Negativseite» wird zwischen krank und behindert getrennt: Men- schen mit Behinderungen wollen nicht als krank gelten, chronisch kranke Menschen nicht als behindert. Gesundheit ist jedoch nicht einfach die Abwesen- heit von Krankheit oder Behinderung. Vielmehr kann Gesundheit als Kontinuum verstanden wer- den, als dynamischer Prozess zwischen den Polen «krank» und «gesund». Dazwischen bewegt sich jeder Mensch Zeit seines Lebens hin und her. Eine Vielzahl von Faktoren wirken entweder in die eine oder in die andere Richtung. Diese Faktoren liegen teils im Menschen selbst, teils in seiner Umwelt, teils sind sie veränderbar, teils nicht. Niemand ist je vollständig gesund, und auch ein schwerst kranker Mensch hat noch gesunde Anteile. Während es bei der Pathogenese um die Entste- hung von spezifischen Krankheiten im medizi- nischen Sinn geht, fragt die Salutogenese primär danach, was es braucht, um Bewegungen in Richtung des «gesunden» Pols auszulösen. Das Ziel ist, solche Faktoren zu stärken. Das Konzept der Funktionalen Gesundheit ist ähnlich angelegt. Indem Gleichstellung gesundheitsrelevante Fak- toren wie soziale ­Teilhabe und Chancengleichheit fördert, steht sie im Dienst sowohl der öffent- lichen als auch der individuellen Gesundheit. EBGB THEMENDOSSIER FRAUEN AUSGEWÄHLTE LEBENSBEREICHE UND THEMEN gesundkrank Gesundheit als Kontinuum

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