Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

40 Im Zweifel lieber «Self-Managed-Care» Als junge Frau erlitt Thea Mauchle eine Querschnittlähmung. An die Rehabilitation erinnert sie sich mit gemischten Gefühlen. Sie vermisst eine ganzheitliche und selbstverständliche Gesundheits­ versorgung auch für Frauen mit Mobilitätsbehinderung. Ein Erfahrungsbericht. Bis zum Tag, an dem ich mit 31 Jahren durch einen Unfall eine Querschnittlähmung erlitt, war ich eine durchschnittlich ge- sunde respektive kranke Frau, die ab und zu eine medizinische Praxis aufsuchte, sich sonst aber nicht allzu viele Gedanken über Gesundheitsfragen machte. Mit viel Glück und dank den medizin- wissenschaftlichen Fortschrit- ten des 20. Jahrhunderts durfte ich sozusagen ein zweites Leben beginnen und lernte während der Rehabilitation, mich mit einem beeinträchtigten, zu zwei Drit- teln gelähmten Körper in einem Rollstuhl selber zu versorgen und vorwärts zu bewegen. FRAGEN OHNE ANTWORTEN Schon auf der Intensivstation wurde mir bewusst, dass ich nun in der Obhut der Schulmedizin war, die mich untersuchte und berechnete, um festzustellen, in welchem Bereich der Schul- buch-Normen sich mein Körper befand, welche Medikation ver- ordnet und welchen Therapien ich unterzogen werden sollte. «Sie werden normal menstruie- ren und vermutlich sogar ohne Kaiserschnitt gebären können!», versuchten mich die Ärzte zu beruhigen, womit sie das Thema Sexualität bei verlorener Sensi- bilität (auch) im Genitalbereich abzuhaken versuchten, denn für Frauen ist eine Paraplegie in Bezug auf die Fortpflanzung weniger einschneidend als für Männer. Ich realisierte schnell, dass ich mir in einigen Aspekten selbst überlassen war, denn auf viele Fragen gab es einfach keine Ant- worten. Ich hatte oft das Gefühl, nicht als Persönlichkeit mit einer Vorgeschichte und einem sozi- alen Umfeld wahrgenommen zu werden, sondern als «Fall», als Resultat einer Studie, als Be- stätigung oder Ausnahme einer Regel. Die besten Hinweise, Ant- worten und Anregungen, wenn es um die eigene medizinische Gesundheit ging, erhielt ich viel eher von Frauen im Bereich der Pflege oder von selbst betrof- fenen Paraplegikerinnen. NIE WIEDER EINFACH GESUND? Nach sieben Monaten wurde ich als «sehr gut rehabilitiert» aus der Klinik entlassen und war stolz darauf, möglichst selten wieder «Patientin» zu sein. Der Auffor- derung, regelmässig zur Kontrolle zu erscheinen, kam ich selten nach, sondern entschied selber, ob und wann ich die erneute paraple­­gio­logisch-spezifizierte Betreuung in Betracht ziehen wollte. Ich befürchtete, «Dauer- patientin» werden zu müssen, nie wieder einfach bloss gesund sein zu können. Offensichtlich gab es im gesellschaftlichen Alltag nur «Gesunde» und «Kranke» wie mich, denn simpelste Forde- rungen nach Zugang zur Öffent- lichkeit wurden in Abgrenzung zu den «Gesunden» formuliert (um nicht «Normale» sagen zu müs- sen), etwa: «Den Eingang für die Gesunden können Sie nicht neh- men, Sie müssen auf der Hofseite den Warenlift benutzen!» BEHANDLUNG MIT HINDERNISSEN Zähne, Augen, Ohren, innere Organe usw. müssen trotz Quer- schnittlähmung hin und wieder medizinische Abklärungen oder Therapien in Anspruch nehmen. Für eine Zahnwurzelbehandlung oder eine gynäkologische Unter- suchung ist das Paraplegiker­ zentrum jedoch nicht vorgesehen. Wir müssen uns bei paraplegie- fremdem Bedarf unter den Ange- boten für die «normal-kranken» Patient­Innen umsehen, wobei die «freie Arztwahl» im Fall von uns Rollstuhlfahrenden schon immer reine Fiktion war. In den 1990er Jahren war es schier unmöglich, eine rollstuhlgängige Arztpraxis zu finden. Immer wieder wurde ich von Personal oder gar von den ÄrztInnen eigenhändig Treppen­ häuser hinauf- und hinunterge- «Die freie Arztwahl war im Fall von uns Rollstuhlfahrenden schon immer reine ­Fiktion.» EBGB THEMENDOSSIER FRAUEN AUSGEWÄHLTE LEBENSBEREICHE UND THEMEN

Seitenübersicht