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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

42 die Pränataldiagnostik und eine eventuell darauf folgende Abtrei- bung, die auch sehr belastend ist, umgangen werden. Der Frau wird somit eine Schwangerschaft auf Probe erspart. Während die Langzeitwirkungen der Hormon­ kuren noch nicht genügend er­ f­orscht sind, zeigten zahlreiche Untersuchungen bei so erzeugten Kindern, dass deren Entwicklung trotz der Biopsie der Embryonen nicht beeinträchtigt war. Da die in der Schweiz geltenden Gesetzesvorschriften eine Durch- führung der PID derzeit nicht erlauben, müssen Paare, die sich einer Behandlung unterziehen möchten, eine PID-Klinik im Aus- land aufsuchen. Diese Möglich- keit steht momentan nur bemit- telten Paaren offen, da die Kosten pro Zyklus je nach Land zwischen 6 000 und 10 000 Euro liegen und nicht von der Krankenkasse über- nommen werden. Über längere Zeit betrachtet, könnte dies zu einer Aufspaltung in zwei Klassen von Eltern führen. Jedoch über- legen sich Paare aufgrund des grossen finanziellen und organi- satorischen Aufwands intensiver, ob eine PID für sie sinnvoll ist. PERSÖNLICHE FRAGEN Ich selber stelle mir folgende Fragen: Welche Risiken birgt eine Schwangerschaft nicht nur für mein Baby, sondern auch für mich? Ist es sinnvoll, eine schon für mich gefährliche Schwanger- schaft einzugehen und ein Kind auszutragen, das eventuell kurz nach der Geburt oder schon im Mutterleib stirbt oder sonst le- benslänglich mit Erschwernissen zu kämpfen hat? Wie viel darf ich als Mutter meinem Kind in un- serer «Schöner-schneller-bes- ser-Gesellschaft» antun? Und hier stellt sich eine neue Frage: Wann «tue ich meinem Kind etwas an»? Von Befürwortern der PID hört man immer wieder, dass dank dieser Methode «Leid» verhindert werden könne. Doch ab wann leidet der Mensch? Viele Menschen, die mit einer Behin- derung leben, empfinden genau- so viel Glück und Zufriedenheit wie gesunde Personen. Wo liegen die Grenzen? Eine Illusion ist die Annahme, dass mit der PID Behinderungen generell verhindert werden können. 95 Prozent aller Behin- derungen entstehen im Lauf des Lebens durch Unfälle, Krank- heiten, Alter oder auch durch Spontanmutationen. Die fünf Prozent, die durch die PID ver- hindert werden könnten, würden in unserer Gesellschaft nicht auffallen. Dennoch wird so die Basis einer eugenischen Denkweise ge- schaffen. In bestimmten Ländern wird schon darüber diskutiert, ob dank der Einführung der PID die Versicherungskosten gesenkt werden könnten. Aus solchen Haltungen kann ein sozialer Druck entstehen, der die Ent- scheidung einer Frau, die gerne schwanger werden möchte, «Wie viel darf ich als Mutter meinem Kind in unserer ­‹Schöner-schneller- ­besser-Gesellschaft› antun?» zusätzlich erschwert. Wichtig ist das Angebot von Beratungen durch entsprechend geschulte Fachpersonen, denn zur Ent- scheidungsfindung ist das Hintergrundwissen zur PID sowie zu einer möglichen Behinderung das A und O. PAARE SCHWEIGEN LIEBER Die wichtigste Bedeutung hat jedoch das soziale Umfeld der Frau. Die Diskussion mit Ver- wandten oder Freunden würde eine Entscheidung erleichtern und die belastende Zeit während der Behandlung und der Schwan- gerschaft vereinfachen. Da die PID in der Schweiz nicht zugel- assen ist, trauen sich die Paare aber nicht, mit ihnen naheste- henden ­Personen über ihr Vor- haben zu diskutieren. Sie haben Angst, in deren Augen etwas Ver- botenes zu tun oder unmoralisch zu handeln. Deshalb verzichten sie auf Gespräche ausserhalb von Fachkreisen. Eine Zulassung der PID in der Schweiz würde diese Hemmschwelle teilweise abbauen und Paare in ihrer Ent- scheidung unterstützen. Dennoch ist es aus meiner Sicht keiner aussenstehenden ­Person möglich, die oben gestellten Fragen für mich zu beantworten. Daher bin ich der Meinung, dass es jedem einzelnen Paar selber überlassen sein sollte, ob es eine PID durchführen lassen ­möchte oder nicht. Die vorgesehenen restriktiven Bedingungen für die Zulassung der PID sollten aber dringendst eingehalten werden, denn nur so können wir einen Missbrauch dieser Technik ver- hindern. Fabienne Weiss­ EBGB THEMENDOSSIER FRAUEN AUSGEWÄHLTE LEBENSBEREICHE UND THEMEN

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