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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

45 Interessenvertretung: Selbst ist die Frau Frauen mit Behinderungen waren bislang weder in der Frauen- noch in der ­Behindertenpolitik sichtbar. Eine geschlechtsspezifische Sicht in der Gleich­ stellung, wie sie die UNO-Behindertenrechtskonvention verlangt, ist in der Schweiz deshalb noch weitgehend Neuland. Am 8. März 2002, dem Internationalen Tag der Frau, ging für einige Pionierinnen der Behindertenselbst- hilfe ein langgehegter Wunsch in Erfüllung: Sie eröffneten die erste Kontaktstelle für Frauen und Mädchen mit Behinderung in der Schweiz. Der Name avanti donne war Programm: Die Frauen wollten vorwärts machen im Kampf gegen die vielfältigen Benachteiligungen, die sie und andere Betroffene im Alltag erlebten. FÖRDERUNG DER GLEICHSTELLUNG ALS VEREINSZWECK Gleichstellung ist bei avanti donne mehr als nur ein Bereich neben anderen Bereichen. Sie ist der statutarische Zweck des Vereins. Die Lebensqua- lität von Frauen und Mädchen mit Behinderungen soll verbessert, Selbstbestimmung und Selbsthilfe sollen gestärkt werden. Diese Ziele werden für alle Behinderungsarten verfolgt. Der Fokus liegt da- bei auf der Situation der betroffenen Frauen und Mädchen. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass avanti donne sowohl strategisch als auch operativ von (Fach-)Frauen geleitet wird, die selbst mit einer Behinderung oder chronischen Krankheit leben. Dasselbe gilt für avanti girls, dem Angebot für Mädchen und junge Frauen. AVANTI DONNE: GESCHICHTE EINER EMANZIPATION Die Geschichte von avanti donne begann lange vor 2002, und sie ist eng verbunden mit der Biografie der Gründerinnen. Eine der treibenden Kräfte war bis zu ihrem Tod 2008 Rita Vökt-Iseli. Die Baslerin war infolge einer missglückten Rückenoperation in den 1960er Jahren seit der fünften ­Primarklasse Rollstuhlfahrerin. Zu jener Zeit ein Grund, ­Träume und Zukunftspläne für ein «nor­males Frauen­leben» aufzugeben. Im Buch «Stärker als ihr denkt» erin- nert sie sich: «Es war mir so peinlich! Egal wo ich auch war, immer bin ich aufgefallen. Mein Rollstuhl, mein Korsett, das mir bis zum Kinn reichte, meine Beine … all das bereitete mir Mühe, denn ich hätte so gerne genauso ausgesehen wie meine Schulkolleginnen. Ich traute mir wenig zu, konnte mir höchstens ein Leben als ­Telefonistin vorstellen, und im Übrigen dachte ich, dass ich mich halt am spannenden Leben meiner Schwester mitfreuen würde. Karriere, Heirat, Kinder – davon wagte ich nicht mal zu träumen. Ein ereignis- loses Leben schien vor mir zu liegen.» [30] ANSTECKENDES SELBSTBEWUSSTSEIN Doch es kam anders. Als junge Frau engagierte sich Rita Vökt beim Schweizerischen Invalidenverband (heute Procap). Anfang der 1990er Jahre vertrat sie die Schweiz in einer europäischen Fachkommission für Behindertenfragen. Sie lernte dort betroffene Frauen aus anderen Ländern kennen und war tief beeindruckt von deren Engagement und Selbstbe- wusstsein. Vor allem die Skandinavierinnen waren gut organisiert und entsprechend wirkungsvoll. Für die Schweizerin war diese zupackende Aus­ einandersetzung aus Frauensicht neu, denn Frauen mit Behinderungen waren hierzulande kein Thema – weder in der Frauenbewegung noch bei den Be­hindertenorganisationen.

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