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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

46 EBGB THEMENDOSSIER FRAUEN AUSGEWÄHLTE LEBENSBEREICHE UND THEMEN Nachgefragt: Anders begabte Frauen Beim Thema Gleichstellung werden sie oft vergessen: Frauen mit einer sogenannt geistigen ­Behinderung. Doch auch sie haben klare Vorstellungen, was ihre Rechte betrifft. Die «Gruppe Mitsprache» ge- hört zum Bildungsclub von Pro Infirmis Zürich. Sie kämpft für die Selbst- und Mitbestimmung von Menschen mit einer kogni- tiven Beeinträchtigung. Vier Frauen aus der Gruppe haben im Rahmen der Vorstudie zu diesem Dossier in einer geleiteten Dis- kussion über ihre Erfahrungen berichtet und einen Rechte- ­Katalog für ihre Gleichstellung er­arbeitet. Beim Gespräch sind die Frauen 65, 42, 39 und 35 Jahre alt. Zwei Frauen haben Kinder, die jedoch beim nicht behinderten Partner aufwachsen bzw. nach der Geburt (mit Einverständnis der Mutter) in eine Pflegefamilie gegeben wurden. Aktuell leben die Frauen mit wenig Assistenz selbstständig respektive in einer Wohngemeinschaft sowie mit dem ebenfalls behinderten Lebens­partner. Drei Frauen arbeiten an einem geschützten Arbeitsplatz, die vierte ist auf Stellensuche und jobt stunden- weise als Putzfrau auf Abruf. Körperliche Gewalt hat die älte- ste Frau erfahren, und zwar in der eigenen Familie. Die Lebens- berichte aller vier Frauen ent- halten zudem Hinweise auf eine nicht reflektierte Machtaus­ übung durch Personen aus dem Wohn- und Arbeitsumfeld sowie durch Angestellte von Behörden. Auffallend negativ werden Er­ fah­rungen mit PsychiaterInnen geschildert. Eine Frau berichtet zum Beispiel, dass ihre Psychi- aterin gedroht habe, im Fall der weiteren Nichteinnahme eines bestimmten Medikaments – das die Frau nach eigener Aussage schlecht ver­trug – würden ihr die Kinder weggenommen. Mit ande- ren Ärzt­Innen, etwa dem Haus- arzt, der Gynäkologin oder dem Neurologen, haben die Frauen gute Erfahrungen gemacht. Als sehr ungerecht wird der Lohn für geleistete Arbeit empfunden, vor allem der Umstand, dass der Lohn unabhängig vom Alter sowie von der Berufserfahrung und der Qualität der Leistung entrichtet wird. So wird die ­42-jährige Frau in einer Weberei für ein Pensum von 90 Prozent trotz langjähriger praktischer Erfahrung mit rund 300 Franken im Monat entlöhnt. Als Quintessenz des Gesprächs fordern die Frauen die Einhaltung folgender Rechte durch nicht behinderte, aber auch durch anders behinderte Personen: → das Recht, von Betreuungs- personen mit Respekt und als gleichwertige Menschen behandelt zu werden; → das Recht, von Angestellten von Behörden und Ämtern mit Respekt behandelt und ernst genommen zu werden; → das Recht, am Arbeitsplatz und für das eigene Leben Ver- antwortung zu übernehmen; → das Recht auf Mutterschaft und auf Übernahme der Ver- antwortung für die eigenen Kinder; → das Recht auf angemessenen Lohn für geleistete Arbeit; → das Recht, auch von anderen Behinderten ernst genommen und als gleichwertige Men- schen behandelt zu werden. Damit diese Rechte nicht Utopie bleiben, fordern die Frauen eine nicht diskriminierende, respekt- volle Bezeichnung. Sie möchten deshalb nicht mehr «geistig behindert» genannt werden, son- dern «anders begabt». Um ihren Anliegen Nachachtung zu ver- schaffen, möchten sie ausserdem mit einem Bundesrat sprechen. «Die Entlöhnung für geleistete ­Arbeit wird als sehr unge- recht empfunden.»

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