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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

47 1994 führten die Mitglieder der Kommission eine Umfrage zur Lebenssituation behinderter Frauen in ihrem Land durch. Rita Vökt übernahm diese Arbeit für die Schweiz und verschickte 300 Frage-­ bogen. Der Rücklauf war sehr gut, das Ergebnis deprimierend: Viele der antwortenden Frauen ­hatten keine oder nur schlecht bezahlte Arbeit. Die meisten klagten über ihre prekäre finanzielle Lage. Viele fühlten sich einsam und überflüssig und hatten keine Kraft mehr, um für bessere Ver- hältnisse zu kämpfen. ETWAS STARTHILFE UND VIEL GRATISARBEIT Die Ergebnisse belegten dringenden Handlungsbe- darf. Der erste Schritt war die Bildung einer Frauen- gruppe bei Procap. Im März 2000 organisierte diese Gruppe die erste Konferenz für Frauen mit einer Behinderung. Am Schluss der Tagung wünschten die rund neunzig Teilnehmerinnen einhellig eine ­Anlaufstelle speziell für behinderte Frauen. Das Angebot sollte einfach und flächendeckend er- reichbar sein und durch selbst betroffene Frauen betreut werden. Auch durfte es nicht viel kosten. Mit 10 000 Franken Starthilfe von Procap und viel Gratisarbeit bauten schliesslich drei Frauen – Rita Vökt, Hanne Müller und Christine Morger – die ­Kontaktstelle avanti donne auf. ALLTAG BESTÄTIGT UMFRAGEERGEBNISSE Der Alltag der Kontaktstelle zeigte, dass sich seit der Umfrage acht Jahre zuvor nicht viel geändert hatte. Es meldeten sich viele Frauen in prekären Lebenssituationen. Mit der Zeit stieg der Bekannt- heitsgrad, und es kamen Frauen dazu, die den Er- fahrungsaustausch suchten oder politisch interes- siert waren und etwas verändern wollten. Auch das Unterstützungskomitee mit Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft wuchs rasch. Zeit, das nötige Fachwissen und den Willen, sich mehr als nur kurzfristig zu engagieren, hatte je­doch nur eine kleine Gruppe von betroffenen Frauen. Das hat sich bis heute nicht geändert. IN ÜBEREINSTIMMUNG MIT DER UNO-KONVENTION Das Pflichtenheft der Kontaktstelle deckt sich weitgehend mit den Massnahmen, die betroffene Fachexpertinnen für die Umsetzung des Frauen- artikels in der UNO-Behindertenrechtskonvention empfehlen.[20, 29] Dazu gehören im Mindesten: → (Peer-)Beratung speziell für Frauen und ­Mädchen mit Behinderungen → Vernetzungs- und Informationsmöglichkeit über das Internet → Weiterbildungskurse, Tagungen, Treffen zum Empowerment → Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Ungleich- stellung und Diskriminierung → Grundlagenarbeit und Bereitstellung themen- spezifischer Information → Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten und Institutionen sowie spezifische Beratung und Dokumentation bestehender Fachorganisa­tionen → Arbeit nach den Grundsätzen des Gender- und Disability-Mainstreaming (vgl. Kapitel «Fazit», Seite 58) SCHWEIZ ERST AM ANFANG Der Spielraum für avanti donne ist inzwischen etwas grösser als zu Beginn, angesichts der Komplexität der Thematik und der grossen Zahl von Betroffenen aber immer noch bescheiden. Die Ressourcen erlauben eine Tätigkeit nur in der deutschsprachigen Schweiz. Dies hat unter ande- rem zur Folge, dass die Kontaktstelle in national orientierten Gremien und Vernehmlassungen nicht eingebunden wird. In der Romandie und im Tessin haben Frauen mit Behinderungen bis heute kein Netzwerk, in dem sie sich behinderungsüber- greifend und genderspezifisch für ihre Belange einsetzen können. Eine Befragung der grössten Behindertenorgani- sationen zur Vorbereitung dieses Dossiers zeigte, dass die spezialisierten Organisationen entweder gar nicht oder erst punktuell geschlechtsspezi- fisch arbeiten.

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