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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

49 BLICK ÜBER DIE GRENZE Im nahen Ausland ist die Lage bemerkenswert nuancierter. In Deutschland zum Beispiel entstand das erste behinderungsübergreifende Frauen- Netzwerk bereits 1992; heute gibt es zwei nationale Dachverbände sowie in verschiedenen Bundeslän- dern ein Dutzend regionale, sehr aktive Netzwerk- Büros für Frauen und Mädchen mit Behinderungen. Österreich wiederum stellte mit der gehörlosen Helene Jarmer die erste (sichtbar) behinderte ­Bundesparlamentarierin im ganzen deutschen Sprachraum. In der Schweiz gab es auf Bundesebene noch nie eine behinderte National- oder eine Ständerätin, und auch auf Kantons- und Gemeindeebene sind Frauen mit Behinderungen noch nicht einmal an- satzweise repräsentativ vertreten. VERNACHLÄSSIGTE GRUPPEN Doch nicht nur bei der politischen Vertretung und bei den Landessprachen bestehen Lücken. Das wird spätestens dann spürbar, wenn der Schritt von allgemeinen Forderungen zu konkreten Mass- nahmen getan werden muss. Dass es nicht ge- nügt, Frauen einfach nur «mit zu meinen», zeigen die vorangegangenen Kapitel über den Zugang zu Bildung, Arbeit und Gesundheit. Neben den Lebensbereichen gibt es zudem Ziel- gruppen, die im Vergleich zu anderen Gruppen innerhalb der Gleichstellung bislang erst wenig Beachtung fanden: • Nicht mehr erwerbstätige und generell ältere Frauen mit Behinderungen • Migrantinnen mit Behinderungen • Frauen mit sogenannt geistigen, psychischen und anderen nicht sichtbaren Behinderungen • Frauen mit seltenen chronischen Er­krankungen Die Randstellung betrifft selbstverständlich auch Männer der genannten Gruppen. Um wirksame Massnahmen definieren zu können, müssen jedoch auch hier geschlechtspezifische Unterschiede bei der Lebenssituation berücksichtigt werden. Stark betroffen und trotzdem unsichtbar Frauen mit Behinderungen sind in vielen Be- reichen des öffentlichen Lebens nicht sicht­bar – auch dann nicht, wenn ein Thema sie besonders betrifft. Ein Beispiel ist häusliche Gewalt. Fachleute des Gesundheitswesens sind oft die ersten, an die Menschen sich wenden, wenn sie Gewalt in der Familie oder in der Partnerschaft erlebt haben. Diese Fachleute können deshalb entscheidend dazu beitragen, dass Opfer von häuslicher Gewalt fachgerecht behandelt werden und frühzeitig die nötige Hilfe erhalten. Aus dieser Überlegung heraus realisierte die Fachstelle für Gleichstellung (von Frau und Mann) der Stadt Zü- rich zusammen mit der Frauenklinik Maternité des Stadtspitals Triemli ein Pilotprojekt «Häusliche Gewalt wahrnehmen – intervenieren». Herzstück bildete eine gross angelegte Befragung von rund 1700 Patientinnen der Maternité. Daraus entstand später ein ausgezeichnetes Handbuch.* Das Buch thematisiert explizit die besondere Situa- tion von MitgrantInnen und von älteren Menschen im Kontext von häuslicher Gewalt, nicht jedoch die besondere Situation von Frauen (und Männern) mit Behinderungen. Dies, obwohl behinderte Frauen gemäss ausländischen Studien besonders häufig von Gewalt betroffen sind (vgl. Seite 37). Aus der Schweiz gibt es zum Thema Menschen mit Behinderungen und Gewalt zu wenig aktuelle Daten. Deshalb setzt avanti donne sich dafür ein, dass in Forschungsprojekten dieser Art künftig neben Geschlecht, Alter, Sprache und Nationali- tät auch eine allfällige Mobilitäts-, Sinnes- oder kognitive Beeinträchtigung der teilnehmenden Personen erfasst wird. So können von Gewalt betroffene Frauen mit Behinderungen besser er- reicht und wirksamer geschützt werden. * Fachstelle für Gleichstellung Stadt Zürich; Frauenklinik Maternité, Stadtspital Triemli; Verein Inselhof Triemli (Hrsg.): Häusliche Gewalt erkennen und richtig reagieren. Handbuch für Medizin, Pflege und Beratung. Verlag Hans Huber, Bern 2010 (2., erweiterte Auflage)

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