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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

54 die diese Anpassungsleistung nicht erbringen kön- nen, kommen in den Medien kaum vor – oder erst dann, wenn ihre Lebensumstände prekär sind. Problematisch an der gleichzeitig formelhaften und individualisierten Berichterstattung ist vor allem die Verallgemeinerung: Die Geschichte von Roll- stuhlbenutzerin X steht unausgesprochen nicht nur für alle RollstuhlfahrerInnen, sondern nicht selten auch gleich für «die Behinderten» schlechthin. Bilder und Legenden legen nahe, dass behinderte Frauen, von den herausragenden Spitzenleiste- rinnen einmal abgesehen, bei allem, was sie tun, eingeschränkt sind und dankbar jede Art von Job annehmen (sollten). So wird reduzierte Leistungs- fähigkeit zum vermeintlichen Erkennungsmerkmal einer ganzen Bevölkerungsgruppe. An einer solchen Stigmatisierung ändert auch eine Terminologie nichts, die «den Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht die Behinderung», das letztlich aber doch tut. Denn entscheidend sind die fixen Zuschrei- bungen (Menschen mit Behinderung sind in jeder Situation behindert, die Behinderung ist immer im Menschen angelegt usw.), die durch das Etikett «mit Behinderung» produziert und tausendfach reproduziert werden. DIE SACHE MIT DER SCHÖNHEIT Medien werden oft dafür kritisiert, Frauen auf ihr Aussehen zu reduzieren. Das Äussere von Frauen mit Behinderungen anzusprechen, scheint aller- dings tabu zu sein. Dies gilt sogar bei Berichten über die Miss-Wahlen, die Frauen mit Behinderung seit einigen Jahren auch in der Schweiz durchfüh- ren und bei denen es definitionsgemäss auch um das Erscheinungsbild geht. Dass hier die Persön- lichkeit und die Ausstrahlung der KandidatInnen im Mittelpunkt stehen und nicht die Behinderung, mag im Umfeld der Veranstaltung zutreffen, nicht aber für das Gros der MedienkonsumentInnen. Denn das Visuelle ist wichtig für die Definition von Behinde- rung, ob es um das Hin- oder um das Wegschauen geht. Zu diesem Schluss kommt die amerikanische Wissenschaftlerin Rosemarie Garland-Thomson, die die Wirkung von sichtbaren Behinderungen gründlich erforscht hat und auch aus eigener Er- fahrung kennt.[35] Dass sich «politisch korrektes» Hinschauen nicht verordnen lässt, zeigt eine Kampagne der belgischen Stiftung Cap45 (siehe Seite 53). Dabei wird die be- kannte Wonderbra-Reklame aus den 1990er Jahren kopiert: Gleiche Pose, gleiche Aussage, anstelle von Eva Herzigova fordert jedoch die ebenso hübsche Tanja Kiewitz uns auf, ihr in die Augen zu schauen. Anders als beim Original schauen wir nun aber nicht auf das Dekolleté von Kiewitz, sondern auf ihren ver- kürzten Arm. Auch dann, wenn der Betrachter oder die Betrachterin selbst eine Behinderung hat. NICHT STIGMATISIERENDE INFORMATION ALS KNACKNUSS Artikel 8 der UNO-Behindertenrechtskonvention fordert die Vertragsstaaten auf, Bewusstseinsförde- rungs- und Bildungskampagnen durchzuführen. Im Hinblick auf Mädchen und Frauen mit Behinderungen muss es Ziel solcher Kampagnen sein, Klischees, Vorurteile und schädliche Praktiken in allen Lebens- bereichen zu bekämpfen. Neben Bildung, Arbeit und Gesundheit (vgl. vorangehende Kapitel) erwähnt die Konvention hier auch die Medien ausdrücklich. Im Bemühen, Normalisierung und Teilhabe zu för- dern, sind Wort- und Bildproduzierende allerdings mit einem Widerspruch konfrontiert: Sie heben Menschen, die «dazugehören» sollen wie alle andern auch, unentwegt als ganz Andere hervor. Der Wi- derspruch tritt deshalb so deutlich hervor, weil der Grund, warum behinderte Frauen (und Männer) für die Medien interessant sind, die Behinderung ist. Anzeichen, dass hier vielleicht ein Umdenken im Gang ist, lieferte kürzlich überraschend eine Gratiszeitung:[36] Als «Single des Tages» sucht die 22-jährige KV-Angestellte Zaira «einen süssen Südländer». Wie in der Rubrik üblich, sind aller- lei Eigenschaften und Wünsche aufgelistet. Dass die junge Frau mit einer Behinderung lebt, sieht man erst auf den zweiten Blick. Das Bild zeigt einen Teil ihres Rollstuhls. Weder aufdringlich noch schamhaft versteckt, son- dern einfach als ein Merkmal von vielen. Genau darum geht es. EBGB THEMENDOSSIER FRAUEN AUSGEWÄHLTE LEBENSBEREICHE UND THEMEN

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