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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

TÜLÜN ERDEM «Wenn es Gleichstellung bei uns im Land wirklich gäbe, würde ich mich wie ein bunter Schmet- terling fühlen, der frei über grüne Wiesen fliegt.» Die Frau, die Gleichstellung so poetisch beschreibt, heisst Tülün Erdem, ist 32 Jahre alt und Mutter zweier Söhne im Schulalter. Dass sie als gehörlose Frau zwei hörende Kin- der diszipliniert erziehen kann, hat ihr kaum jemand geglaubt. «Viele Leute haben Vorurteile. Sie behaupteten, ich bräuchte eine Betreuerin oder einen Betreuer, zum Beispiel meine Eltern.» Solche Erfahrungen spornen Tülün Erdem an, sich aktiv als Botschafterin für gleiche Rechte und Chancen einzusetzen, zum Beispiel als Vize-Miss Handicap. (Sie belegte bei der Wahl 2011 den zweiten Platz.) Sie möchte anderen Mut machen und zeigen, dass Frauen mit einer Behinde- rung so gute Mütter sein können wie andere auch und dabei keine «Hausmütterchen» sein müssen. Tanzen, Reisen, Zeichnen, Malen, Fotografieren, Lesen, Mode, Kunst und Sport prägen neben Familie und Freunden den Alltag. Wobei ihre beiden Jungs das Wichtigste sind. (Nicht zufällig zählt Angelina Jolie zu ihren Vor- bildern.) Später einmal würde sie gerne Management studieren. Eigene Gleichstellung: 90 Pro- zent, Peers 30 bis 95 Prozent (Männer und Frauen gleich). RAMONA KÖNIG Am liebsten hätte Ramona König Automechanikerin gelernt. Autos faszinieren sie, und ihr eigener Flitzer bedeutet für die angehende Kauffrau ein wichtiges Stück Unabhängigkeit. Kino, Konzerte, Freunde treffen und Lesen sind weitere Interessen. Mit Gleich- stellung bräuchte sie wohl weniger Nerven und hätte weniger Stress, meint die 26-Jährige, die auch die komischen Seiten des Lebens mit dem Rollstuhl sieht und darüber herzlich lachen kann. Selbstständig zu sein, bedeutet ihr viel. Die grössten Hindernisse hat sie hier bei der Arbeitssuche erlebt. «Viele Firmen sind nicht eingerichtet für ­Mitarbeitende im Rollstuhl. Und oft meinen sie, wer im Rollstuhl sitzt, ist auch geistig behindert.» Zu ihrer Lehr- stelle kam sie auf eine eher un- gewöhnliche Art: «Ich hatte mich bei diversen Firmen beworben, diese hatten aber alle möglichen Ausreden, wieso sie keine Roll- stuhlfahrerin einstellen können. Bis meine jetzige Lehrfirma kam und mich anfragte, weil sie extra ihre ­Bürogebäude umgebaut haben für Rollifahrer.» Ramona König wünscht sich, ein möglichst sorgenfreies Leben führen zu können. Zu ihren Zu- kunftsträumen gehört eine Reise durch Amerika mit ihrem Mann. Gefühlte Gleichstellung: 60 Pro- zent. Peers: Männer ebenfalls 60 Prozent, Frauen etwas weniger. 65 Die Fotografin: FLAVIA TRACHSEL «Sitzend auf eigenen Füssen stehen» – der Titel einer ihrer Ausstellungen charakterisiert die 30-jährige Flavia Trachsel perfekt. Die junge Fotografin arbeitet vom Rollstuhl aus. 2008 schloss sie die Zürcher Hoch- schule der Künste als diplo- mierte Designerin FH in Visueller Kommunikation mit Vertiefung Fotografie ab. Heute fotografiert sie in einer Teilzeitanstellung und arbeitet daneben freischaf- fend. Von ihr stammen auch die Porträtaufnahmen in den avanti donne-Büchern über Frauen mit Behinderungen, «Erst recht» und «Stärker als ihr denkt». Ihre künstlerischen Arbeiten sind regelmässig in Ausstellungen in der Schweiz und im Ausland zu sehen (Beispiele auf www. myspace.com/fotografin). Flavia Trachsel empfindet sich selbst als gut in die Gesellschaft integriert und somit als beinahe gleichgestellt. Da sie nie im ge- schützten Rahmen eines Heims gewohnt hat oder in eine spezielle Schule gegangen wäre, ist sie es gewohnt, für ihre besonderen Bedürfnisse kämpfen zu müssen. «Dies ist für mich kein Problem, bedeutet aber einen gewissen Mehraufwand.» Gleichstellung finde einerseits in den Köpfen der Menschen statt und anderer- seits in einer an alle Bedürfnisse angepassten Infrastruktur. «Bei- de Ebenen bedingen einander.»

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