Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

8 Auch die Art der Beeinträchtigung spielt bei vielen Aspekten der Gleichstellung eine Rolle. Dass die porträtierten Frauen teilweise recht unterschied- liche Vorstellungen von Gleichstellung haben, liegt deshalb nahe. Allen Frauen gemeinsam ist, dass sie sich mit Gleichstellung auseinandersetzen und sich – jede auf ihre Art – aktiv dafür engagieren. Eine weitere Gemeinsamkeit: Sie möchten nicht über ihre Be- hinderung definiert werden. Dass sie sich dennoch vertieft mit dem Thema befassen, ist vor allem bei jungen Frauen nicht mehr selbstverständlich. Hier zeigt sich eine Parallele zur Geschichte der allge- meinen Frauenbewegung. Auch deshalb scheint es legitim, die beiden Gleichstellungen miteinander in Verbindung zu bringen. EBGB THEMENDOSSIER FRAUEN VORAUSSETZUNGEN UND RAHMENBEDINGUNGEN Modelle von Behinderung Der Begriff «Behinderung» ist vergleichsweise jung. Verschiedene Vorstellungen von Behinderung ­haben die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen ­Diskussionen in den letzten hundert Jahren ­geprägt. Die Unterschiede zu kennen, ist wichtig für das Verständnis von Gleichstellung. DAS INDIVIDUELLE MODELL Das individuelle (oder medizinische) Modell von Behinderung entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg. Es beruht auf einem bio-medizinischen Ansatz und einer Logik von Ursache und Wirkung: Eine Krankheit oder ein Trauma führt zu einer Beeinträchtigung des Organismus. Diese schränkt die Fähigkeit ein, gewisse Verrichtungen vorzu- nehmen, woraus wiederum ein sozialer Nachteil oder eine Behinderung folgt. Dement­sprechend ist Behinderung die Folge einer Beeinträchtigung des Individuums. Der Umgang mit Behinderung, der aus diesem Modell folgt, knüpft bei der Pflege an und zielt längerfristig auf die Heilung der Person oder zu- mindest auf ihre Eingliederung in die Gesellschaft, wie sie für «Gesunde» existiert. DAS SOZIALE MODELL Als Reaktion auf dieses Modell entstand in den 1960er Jahren das soziale Modell von Behinde- rung. Dieses betrachtet Behinderung als Ergebnis einer Gesellschaft, die die Besonder­heiten ihrer Mitglieder nur unzulänglich ­berücksichtigt. Die Ursache der Behinderung liegt in diesem Modell ausserhalb des Individuums. Daraus folgt auch ein anderer Umgang mit Behinderung: Die sozi- ale Betrachtungsweise verwirft die Heilung als Ideal und setzt stattdessen auf die Förderung der vorhandenen Ressourcen der Person, um so ihre Autonomie im Alltag zu ermöglichen. Dieses Modell fordert ebenfalls die Beseitigung physischer und sozialer Barrieren. Es geht darum, die Umwelt und Dienstleistungen so anzupas- sen, dass sie für Menschen mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen zugänglich und verwendbar werden. DIE INTERAKTIVEN MODELLE Als Reaktion auf diese Ansätze, die je einen spe- zifischen Aspekt in den Vordergrund stellen, hat sich ein dritter Typus von Modellen entwickelt. Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (International Classifi- cation of Functioning, Disability and Health, ICF ) der Weltgesundheitsorganisation WHO versucht, bei der Definition von Behinderung sowohl den individuellen als auch den umweltbezogenen Faktoren Rechnung zu tragen. Das Modell PPH (Processus de production du handicap; Prozess der Erzeugung von Behinde- rung) zum Beispiel setzt einen Akzent auf die Inter- aktion zwischen den verschiedenen Faktoren, die zu einer Situation von Behinderung führen. Die neueren Modelle sind offen und dynamisch: sie versuchen, den individuellen Determinismus des medizinischen und den externen Determinismus des sozialen Modells zu überwinden. Dadurch sind sie näher an der Lebensrealität. Auch bestimmten Formen von Beeinträchtigungen werden sie eher gerecht als ein polarisierendes Entweder-Oder, das neue Ausgrenzungen bewirken kann. (Quelle: EBGB)

Seitenübersicht