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Gleichstellungsbericht Frauen mit Behinderungen in der Schweiz

9 Gleiche Rechte, ungleiche Bedingungen Die Schweiz hat keine allgemeine und umfassende Rechts- norm für Gleichstellung. Die rechtlichen Bestimmungen sind vielmehr nach Themen getrennt: hier «Mann und Frau», dort «Menschen mit Behinderungen». Wer den Begriff «Gleichstellung» hört, denkt zuerst an die Gleichstellung von Mann und Frau. Erst in neuerer Zeit gewinnt die Gleichstellung von Men- schen mit Behinderungen an Aufmerksamkeit. Dass die beiden Gleichstellungsdiskussionen bisher weitgehend getrennt voneinander ­verlaufen sind, ist zum einen geschichtlich bedingt: Die ­Frauenbewegung in der Schweiz hat ihre Wurzeln im Vereinswesen des 19. Jahrhunderts, während ­ die politische Behindertenbewegung erst in den 1970er Jahren zum Leben erwachte. Zum andern unterscheiden sich die thematischen Schwerpunkte und der Bedarf an Massnahmen. Dennoch gibt es etliche Berührungspunkte, und das Ziel der Bestrebungen ist dasselbe. Dies zeigt zum Beispiel die Definition der Arbeitsgruppe Gleichstel- lung von Frau und Mann des Europarates: «Männer und Frauen sollen in allen Bereichen des öffent- lichen und privaten Lebens gleichermassen präsent, berechtigt und beteiligt sein.» DAS GEGENTEIL VON GLEICHMACHEREI Ziel der Gleichstellung ist also die vollumfängliche Einbindung von Frauen und Männern in die Gesell- schaft. Die UNO-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen verwendet dafür den Begriff Inklusion (aus dem Lateinischen «inclu- sio», Einbeziehung, Einschluss, Dazugehörigkeit). Gleichermassen präsent, berechtigt und beteiligt sein: Eine so verstandene Gleichstellung hat mit Gleichmacherei und der Einebnung von Unter- schieden nichts zu tun. Sie bedingt im Gegenteil fundierte Kenntnis der Unterschiede bei den Lebens- bedingungen – und dass diese Unterschiede bei der Planung und Umsetzung von Massnahmen gebüh- rend beachtet werden. NEUE UNGERECHTIGKEITEN Geschieht dies nicht, schaffen Gleichstellungs- bemühungen neue Ungerechtigkeiten. So wirkte sich die formale Gleichstellung der Geschlechter in der Schweiz bei den bisherigen Anpassungen von Gesetzen und Bestimmungen nicht selten zulas- ten der Frauen aus. Beispiele sind die Erhöhung des Frauenrentenalters und die Einschränkungen für verwitwete und geschiedene Frauen.[2] Da eine Behinderung oft lebenslang einen Mehraufwand mit sich bringt – auch materiell –, sind behinder- te Frauen von solchen Nachteilen jeweils stärker betroffen als nicht behinderte Frauen in einer ansonsten vergleichbaren Situation. Unter dem Schlagwort «doppelte Diskriminierung» wird diese mehrdimensionale Benachteiligung und Diskrimi- nierung von Frauen mit Behinderungen seit langem immer wieder angeprangert. Obwohl von keiner Seite ernsthaft bestritten, hatte die Erkenntnis bis jetzt aber kaum praktische Auswirkungen. IM NIEMANDSLAND Dafür gibt es mehrere Gründe: Organisationen und Gremien für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen arbeiten mit wenigen Ausnahmen (noch) nicht geschlechtersensibel. Umgekehrt nehmen die mit der Gleichstellung der Geschlech- ter befassten Einrichtungen Frauen und Männer mit Behinderungen nicht als zu ihrem Aufgaben-

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