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Ein Tag im Leben von ...


Meral



Meral am PC in ihrem Zimmer im Wohnheim.

Meral, 29 Jahre alt, wohnt und arbeitet in einer Institution für Menschen mit einer Körperbehinderung in Reinach BL (WBZ). Ihr Alltag ist einerseits geprägt durch ihre eigene Behinderung, aber auch durch die Rahmenbedingungen der Institution. Trotzdem versucht sie, ihren Alltag so selbstbestimmt wie möglich zu gestalten.

Es ist Montagmorgen 7 Uhr, und ich schlafe noch. Plötzlich höre ich im Halbschlaf eine Stimme: «Guten Morgen, Meral!» Doch ich bin kein Morgenmensch. Trotzdem beginnt die morgendliche Pflege, und ehe ich es mitbekomme, sitze ich im Elektrorollstuhl bereit für das Frühstück. Um 8:50 Uhr fahre ich zur Arbeit, damit ich pünktlich um 9 Uhr da bin – obwohl ich meistens gerne noch ein bisschen länger quatschen würde mit meinem Tischnachbarn.

Ich arbeite dann bis 11:30 Uhr an meinem PC. Meine Arbeit in der Computergruppe ist Teil der Abteilung Beschäftigung. Die Aufgabe richtet sich individuell nach den Möglichkeiten und Fähigkeiten des Mitarbeiters. Sinn und Zweck dieser Abteilung ist es, möglichst allen, die im WBZ wohnen, eine sinnvoll strukturierte Arbeit zu geben. Hierbei spielt es keine Rolle, welche Schwierigkeiten die Mitarbeitenden mitbringen. Es wird im Haus abgeklärt, welche Unterstützung oder Hilfe eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter braucht, um möglichst selbstständig arbeiten zu können. Mehrheitlich werden interne Aufträge wie persönliche Geburtstagskarten, Flyer, Plakate, Listen, interne Rechnungsvorlagen und auf Wunsch persönliche Adresseetiketten usw. angenommen. Meistens sind das Aufträge, bei denen Wirtschaftlichkeit nicht an erster Stelle stehen.

Als Kind und auch noch im Jugendalter wollte ich immer Sekretärin werden. Diesen Beruf hat meine Pflegemutter ausgeübt, und er faszinierte mich. Als ich älter wurde, musste ich lernen, dass ich massive körperliche Einschränkungen habe und in einzelnen Dingen auch kognitive. Eine davon, mit der ich im Alltag umgehen muss, ist das räumliche Denken. Eine weitere Schwierigkeit ist, mich auf eine Sache zu konzentrieren, wenn mehrere Dinge gleichzeitig passieren. Dazu kommt eine weitere Herausforderung für Körper und Psyche: mich nicht stressen zu lassen von der  hektischen Umwelt, sprich mein Tempo unter Zeitdruck  beizubehalten.

Die Schwierigkeit mit dem räumlichen Denken ist mir bewusst, und ich habe gelernt, mir Anhaltspunkte zu merken oder mehrmals nachzufragen, wohin der Weg führt. Die einfachste Variante, wenn ich den direkten Weg möchte, ist, das Behinderten-Taxi zu bestellen.
Einen Etappensieg habe ich in den letzten beiden Jahren errungen: Ich traue mir zu –  und schaffe es auch –, mich mehr oder weniger ohne Probleme im öffentlichen Verkehr zurecht zu finden. Diese erkämpfte Flexibilität und Freiheit, die ich mir selbst erschaffen habe – wenn auch mithilfe Dritter –, bringt mir einen enormen Gewinn an Lebensqualität. Ich kann spontan mit jemandem abmachen, ohne zuerst beim Behindertentransport nachfragen zu müssen, ob noch eine Fahrt möglich ist.

Als ich mit der Zeit realisierte, wie viel positive Energie und Eigenschaften ich habe, da wusste ich: Es geht nicht nur darum, Geld zu verdienen oder etwas Bestimmtes zu erlernen, sondern auch darum, es für sich selbst zu tun. Nicht jeder Mensch in der heutigen Gesellschaft kann es sich leisten, ohne finanzielle Einbussen langsamer zu arbeiten. Das ist vielleicht sehr pragmatisch und einfach gesagt – aber so ist es. Natürlich hätte ich gerne einen Beruf erlernt, von dem ich selber leben kann. Aber die Grundvoraussetzungen für mein Leben kann ich nur bedingt beeinflussen! Ich bin froh, dank der Computergruppe arbeiten zu können und nicht das Gefühl zu haben, in den Tag hinein zu leben.

An meinem Arbeitsplatz arbeite ich meistens ziemlich selbstständig und eigenverantwortlich. So geht die Zeit dahin, und es ist schon bald Zeit zum Mittagessen. Deshalb verabschiede ich mich im Büro und fahre mit dem Elektrorollstuhl in mein Zimmer, in dem ich kurz vor dem Mittagessen noch an meinem privaten PC gehe, um meine Mails zu lesen. Vor lauter Lesen vergesse ich die Zeit. Als ich am Tisch ankommen, ist es schon 12:15 Uhr. Im Speisesaal bestelle ich entweder das vorgegebene Menu vom WBZ oder einen Kaffee, Joghurt, Hüttenkäse sowie eine Frucht. Bevor es dann um 13:30 Uhr wieder an die Arbeit geht, brauche ich zu guter Letzt noch einen Koffeinschub. Währenddessen unterhalte ich mich mit meinem Tischgenossen über Gott und die Welt. Kurze Zeit später frage ich jemanden von der Pflege, ob man mir beim Zähneputzen behilflich sein kann. Danach gehe ich in mein Zimmer zurück. Inzwischen ist es schon 13 Uhr, und ich muss schon bald wieder an die Arbeit. Um die Mittagszeit ist meistens viel los, da noch andere zur Arbeit müssen. Deshalb dauert es einige Minuten, bis jemand an meine Türe klopft und mich fragt, ob man mir helfen kann beim Zähneputzen. Die Badesachen und mein eigener Duschstuhl müssen auch noch vorbereitet werden, da ich heute Therapiebad habe. Danach gehe ich zur Arbeit. Ich arbeite gerade an der Gestaltung einer Geburtstagskarte.

Um 15:45 Uhr verabschiede ich mich von der Computergruppe und gehe ins Therapiebad, wo ich schon erwartet werde. Mit Hilfe der Pflege ziehe ich mein Badekleid an und werde dann mit einem elektronischen Hebelift ins Wasser transferiert. Im 30° warmen Wasser entspannen meine Muskeln, und ich fühle mich durch die Leichtigkeit des Wassers pudelwohl. Danach folgen Entspannungsübungen, aber auch aktive Übungen zum Stärken meines Rückens. Zwanzig Minuten später ist leider schon wieder alles vorbei für eine Woche. Geduscht und angezogen, bin ich meistens um 17:30 Uhr wieder in meinem Zimmer. Dort warte ich darauf, dass mir die Pflege mein Korsett wieder anzieht und mich in den Rollstuhl setzt.

Nun freue ich mich schon auf unsere Kochgruppe. Hier gibt es zu hundert Prozent leckeres Essen, das man mit dem Essen intern nicht vergleichen kann. Es ist nun 19 Uhr und ich bin froh, wenn ich mich nach dem Abendkaffee in geselliger Runde in mein Zimmer zurückziehen kann. Ich bin vom Tag und dem Therapiebad müde. Das ist die Zeit, in der ich meistens an meinen PC sitze, mit Freunden telefoniere oder einfach fern schaue. Um 22:30 Uhr kommt die Pflege und hilft mir ins Bett. Dort schaue ich noch ein bisschen fern, bis ich davon einschlafe. Wenn ich wieder aufwache, läute ich nach der Nachtwache, die mir meine Atemmaske gibt zum Schlafen. Dies bekomme ich jedoch kaum mit. Morgen ist ein neuer Tag, der nicht ganz so streng wird, da das Therapiebad wegfällt und ich mehr Zeit habe für Anderes.