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Frau mit Behinderung – behinderte Frau?


Referat zum internationalen Tag der Frau

Von Shlomit Wehrli
 
Wenn ich in den Jelmoli oder Globus hinein rolle, sehe ich sofort diese junge Dame die neuen Duft verteilt. Sie ist fröhlich, scheint nett zu sein und sie lächelt jedem zu. Ich rolle hinein. Zwischen mir und dem neuen Duft bleiben jetzt nur noch 3 Meter. Ich rolle vor sie. Die Frau hört jetzt nicht, sieht nicht und auch ihr Duftsinn scheint total verschwunden. Auch ihre Liebe zu ihrem Beruf ist plötzlich völlig verändert.

Ich: Was ist los? Sieht sie mich nicht? Hallo, ich bin da! Ziemlich klar, ziemlich gross, eine Art Block mit Rädern. Rollt, wie ein Elefant im Porzellanladen, hinein in diese Welt, märchenhaft, voller erregender Düfte, voller hübscher dünner Frauen mit Make-up …
Sie: wenn dieser Albtraum nur endet! Wenn sie mir nur nicht direkt in die Augen schaut… wenn ich nur nicht mit diesem Block und dem was drin sitzt reden muss!
Die Frau sieht mich nicht – bietet mir ihren neuen, zum verrückt werden neuen Duft nicht an. Sie hat kein Interesse an mir. Und ich, die eigentlich diesen neuen Duft gar nicht riechen will (ich hasse es, das Duftmeer im Ladeneingang zu riechen), ich fühle wie meine ganze frauliche Schönheit auf einmal aus mir wegrutscht. Alle Verteidigungen, die ich gebaut habe, um nicht verletzt zu werden, Risse bekommen. In mich strömt eine grosse Traurigkeit vermischt mit Wut. Und ich will schreien, dort in der Mitte des Ladens: Hallo, schau mich ein, ich bin eine Frau! Ich bin eine hübsche Frau! Ich bin eine attraktive Frau!
 
Durch mein ganzes Leben ist die Frau in mir verletzt. Eine Frau die von Kindheit an behindert ist, kämpft ihr ganzes Leben mit ihrer Weiblich­keit und um ihre Weiblichkeit. Ein geburts- oder frühbehindertes Mädchen erlebt unzählige Erlebnisse von Missbrauch und fehlendem Respekt gegenüber seinem Körper. Das beginnt in den Spitälern: Dutzende von fremden Händen berühren den kleinen Körper. Das Mädchen versteht nicht, was mit ihm geschieht. Die Experten behandeln es wie ein Objekt. Ein Körper ohne Seele. Später die PhysiotherapeutInnen, BetreuerInnen und verschiedene HelferInnen. Alle berühren seinen Körper als eine Selbstverständlichkeit. Das Mädchen, später die Jugendliche die in einem Abhängigkeitsverhältnis steht, kann sich nicht wehren. Und wenn sie es trotzdem fertig bringt zu protestieren, ignoriert oder beschimpft man sie. Irgendwann lernt sie, sich nicht mehr zu wehren und akzeptiert die Realität. Sie lernt ihre gemischten Gefühle – denn es sind sowohl angenehme wie auch unangenehme – zu verdrängen. Meist sind es unangenehme von zuviel Nähe, von unerwünschter Intimität.
 
Auch die BetreuerInnen, ÄrztInnen, PhysiotherapeutInnen, LehrerInnen etc. behandeln ihren Körper, versuchen ihre Behinderung zu «reparieren», ermutigen immer wieder sich anzustrengen, nicht aufzugeben, der Verzweiflung nicht nachzugeben, nicht den Schmerzen, nicht den Ängsten. Das behinderte Mädchen wächst in eine Frau die ihren Körper nicht als Ort von Freude oder Genuss betrachten kann. Sie war ja schon immer damit beschäftigt, die Gefühle, die mit ihrem Körper verbunden sind, zu verdrängen. Gleichzeitig erlebt sie als junge Frau im Alter der sexuellen Reifung, dass ihre Umgebung ihre erwachende Sexualität zurückweist. Junge Männer begehren sie nicht, weil sie vielleicht fürchten, sie zu verletzen, Erwartungen zu erwecken, die sich vielleicht nicht verwirklichen lassen. Sie fürchten sich, ihrem anderen Körper zu begegnen. Die jungen Frauen in der Umgebung des behinderten Mädchens teilen ihre ersten sexuellen Erlebnisse nicht mit ihr. Sie wollen ihren Neid, ihre Eifersucht nicht wecken, denn - so denken sie vielleicht – ihre Chance, Ähnliches zu erleben ist sehr klein. Es entsteht eine Art unsichtbares Netz, welches sie von ihren AlterskameradInnen trennt. Die behinderte junge Frau liesst die Botschaft «Du kannst an diesem Spiel nicht teilnehmen. Du gehörst nicht dazu.» Als ich 15 Jahre alt war, sagte mir eine Freundin, ich könnte das schönste Mädchen in meine Klasse sein, wenn ich nicht behindert wäre. Sie wollte mir ein Kompliment machen …
 
Es braucht sehr viel Mut, Wille und Selbstwertauen dann doch als erwachsene Frau sich zu erlauben sich zu verlieben und eine Beziehung einzugehen. Und es braucht dann noch mehr Mut, Wille, und Selbstwertauen, als Frau mit Behinderung sich zu entscheiden eine Mutter zu werden.
 
Das schönste und erregendste Erlebnis meines Lebens war die Geburt meiner Tochter vor 27 Jahren. Schmerzen während zwei Tagen – aber das Glück nachher war alles wert: die kleine, schöne Kreatur in den Händen zu halten, die aus MIR kam – Frucht der Liebe zwischen meinem Mann und mir! Das Glücksgefühl war sehr, sehr gross. Alles fing einige Monate vorher an, als in mir und in meinem Mann auf einmal der Wunsch nach einem eigenen Kind erwachte. Es war mir völlig klar, dass mein Körper kein Kind auf die Welt bringen könnte. Ich liess mich von meiner Ärztin beraten und war erstaunt zu hören, dass sie überhaupt keinen Grund sah, nicht völlig normal schwanger zu werden und zu gebären, denn bei mir war alles in Ordnung. Tat­säch­lich waren meine Schwangerschaft und die Geburt spontan und normal. Ich und mein Mann hatten das Glück, zwei wunderschöne Kinder unter idealen Bedingungen gross zu ziehen. Sie wurden im Kibbuz in Israel geboren; einer Art kleines Dorf in welchem jeder jeden kennt. Die Umstände waren perfekt und für jedes Problem das auftauchte, fanden wir kreative, gute Lösungen. Das begann mit der Planung der Wohnung: wo soll das Kinderbett stehen, wie kommt man mit dem Rollstuhl dazu, wo steht die kleine Plastikwanne in welcher wir unser Baby waschen werden? Die Fantasie entfaltete sich und wir erfanden viele Lösungen selbst.

Im Kibbuz, der mein Zuhause war, gab es keine Probleme bezüglich Zugang oder Hilfe. Unsere Umgebung tat alles, damit wir erfolgreich Eltern sein können und uns gleichwertig behandelt fühlen.Nicht so, als wir in die Schweiz zügelten. Wir hatten uns dazu entschlossen, diese schützende Gesellschaft und damit eigentlich mein Elternhaus zu verlassen, als Teil unseres persönlichen Reifeprozesses. Die Kinder waren schon 8 und 11 Jahre alt. Ihre Schule in der Schweiz war voller Treppen. Mit grosser Mühe schaffte ich es einmal im Jahr zum Elternbesuchstag die Treppe zum Klassenzimmer hoch zu steigen. Mein Mann musste sich in fremde Hände begeben um sich die Treppe hoch tragen zu lassen. Es war ein unangenehmes Erlebnis für uns und unsere Kinder. Alle Kindergärten und Schulen in unserer kleinen Stadt waren damals für Behinderte im Rollstuhl nicht zugänglich.
Mein Mann, der ein paar Jahre später in die Schulpflege gewählt wurde, kämpfte mit ganzer Kraft dafür, diese Zustände zu ändern. Heute ist die Lage etwas besser - aber das ist immer noch nur ein Tropfen in einem grossen Meer. Beratungsstellen für junge Mütter, Krippen, Kinderhorte, Kindergärten und Schulen und Treffpunkte für Mütter und für Frauen müssen auch für Mütter im Rollstuhl zugänglich sein. Mein Gefühl ist, dass die schweizerische Gesellschaft das Recht auf Mutterschaft den Frauen mit einer Behinderung noch immer verweigert. Die verbreitete Meinung ist noch immer, dass sie keine guten Mütter sein und die volle Verantwortung für die Betreuung ihrer Kinder nicht übernehmen könnten. Man sieht sie als eine Belastung für die Gesellschaft – und wehe, wenn sie dazu noch ein behindertes Kind auf die Welt bringt! – und darum soll sie kein Recht haben, ihre Mutterschaft zu verwirklichen.
 
Wie erstaunt war ich, als ich vor einigen Jahren ein paar Tage in der Maternité des Triemli verbringen musste und schockiert fest stellte, dass es in der ganzen Klinik keine Toilette gab, die man im Rollstuhl benutzen konnte. Das Personal der Klinik, inklusive die Direktorin waren überrascht, dass es ein Problem für Patientinnen im Rollstuhl gab. Ein beängstigender Gedanke tauchte in meinem Kopf auf: bin ich wirklich die erste Frau im Rollstuhl die einige Tage in diesem Spital verbringt? Gebären Frauen im Rollstuhl in Zürich nicht? Oder hatte vielleicht noch keine Frau den Mut und die Selbstsicherheit um zu reklamieren und von der Spitalleitung Veränderungen zu verlangen? Das Beispiel verrät, das hier wirklich niemand von behinderten Frauen erwartet zu gebären. Mich schockiert das. Mich macht das wütend. Ich frage mich, wie eine solche entwürdigende und rassistische Einstellung im 21. Jahrhundert noch immer möglich ist.
 
Bei meinem letzten Besuch in Israel traf ich eine junge Freundin mit Behinderung die einen Rollstuhl benutzt. Sie ist allein erziehende Mutter die – ohne Vater – einen süssen, jetzt 3-jährigen Sohn gross zieht. Die junge Frau, die an Polio erkrankte, weil sie nicht rechtzeitig geimpft worden war, wohnt in einer vollkommen ihren Bedürfnissen angepassten Wohnung, fährt ein genau ihren Bedürfnissen angepasstes Auto und beschäftigt eine persönliche Assistentin, die bei ihr wohnt. Meinen Freundin ist nicht reich und arbeitet auch nicht wirklich, im Moment. So, wie ist es möglich, dass in einem Land wie Israel, das in einen jahrzehntelangen Krieg verwickelt und in einer tiefen Wirtschaftskrise steckt, innerlich zerrissen ist und chronische Wasserprobleme hat, Menschen mit einer Behinderung in Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung leben können? Ich sag es Euch: es ist möglich, weil Menschen mit einer Behinderung in diesem Land Teil der Gesellschaft sind. Sie gehören dazu. Man gönnt ihnen ein gutes Leben. Man versucht, alles zu tun, um ihre Chancen zu fördern, so dass sie in ihrem Leben Erfolg haben und glückliche BürgerInnen werden können und ihren Teil zur Gesellschaft beitragen. Das ist eine Frage der grundsätzlichen Einstellung – und die funktioniert auch, wenn nicht genügend Geld für perfekte Lösungen vorhanden ist.
 
Das ist es, was mir hier in der Schweiz fehlt. Und damit komme ich zurück zum heutigen Thema «Frauen mit Behinderung». Es fehlt mir das Gefühl, dass diese Gesellschaft mich als Frau will. Es fehlt mir das Gefühl, dass sie daran interessiert ist, mein Frau- und Muttersein so gut es möglich ist zu verwirklichen. Mir scheint, hier geschieht das Gegenteil. Und es geschieht aus der Erwartung Unbehinderter heraus, die in der Behinderung einen Zustand sehen, der nicht auszuhalten ist, und der das Leben eines jeden beschädigt, der davon betroffen ist. Und diese Erwartung muss scheinbar verwirklicht werden, wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.