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Àngela Baquiller:

«Ich will eine ehrliche Politikerin sein»

Àngela Baquiller ist Spaniens erste Stadträtin mit Down-Syndrom und will per Gesetz dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung so normal leben können wie alle andern.


Mehr als 34.000 Menschen in Spanien haben das Down-Syndrom.  Sie kämpfen darum, in allen Bereichen der Gesellschaft gleichberechtigt vertreten zu sein und ein normales Leben führen zu können. Nun sind sie diesem Ziel einen Schritt nähergekommen, denn Spanien hat seit kurzem die erste Politikerin mit dieser Behinderung. Àngela Bachiller von der rechtskonservativen Partido Popular (PP)  ist in der Regierung der Stadt Valladolid für einen Parteikollegen nachgerückt, der wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten musste.

Bachiller, die zuvor als Assistentin in der Abteilung für soziale Wohlfahrt arbeitete, stand bereits bei den letzten Kommunalwahlen kurz vor dem Einzug in den Stadtrat. Ihre Partei gewann 17 Sitze, sie stand auf dem 18. Listenplatz. Nun ging ihr Traum in Erfüllung. An einer ausserordentlichen Plenarsitzung, die zweifellos in die Geschichte eingehen wird, wurde Angela Bachiller Ende Juli vereidigt.  

Wie haben Sie sich im Moment der Vereidigung gefühlt?
Aufgeregt, ein wenig nervös und überrascht von den vielen Medien. Es war ein kostbarer Moment in meinem Leben.

Was haben Sie nach der Vereidigung als erstes gemacht?
An einer Stadtrat-Sitzung teilgenommen und den Medien geantwortet. Es waren sehr viele da, warum, weiss ich nicht.

Welches werden ihre täglichen Aufgaben im Rathaus sein?
Der Bürgermeister wird sie mir zuteilen. Im Prinzip werde ich an den Sitzungen des städtischen Behindertenrats, des Gesamt-Stadtrates und jener Kommissionen teilnehmen, in die ich delegiert werde.   

Haben Sie sich je damit gerechnet, dass Sie eines Tages eine solch bedeutende Position in Ihrer Stadt einnehmen würden?
Nein, das schien mir unerreichbar. Ich hoffe, dass ich meine Aufgabe gut machen werde und dass die Stadt mit mir zufrieden sein wird.

Wie gehen Ihre Parteikollegen mit damit um?
Grossartig. Ich kenne sie schon von der Wahlkampagne her und werde den Kontakt mit ihnen weiter pflegen.  

Und die Opposition?
Alle haben mich beglückwünscht. Einige Ratsmitglieder kannten mich bereits, da sie das Welt Down-Syndrom-Fest  oder eine Konferenz  der Down-Syndrom-Vereinigung von Valladomid besucht haben. Sie waren immer sehr höflich zu mir.

Gefällt Ihnen die Politik?
Ich kenne mich noch nicht sehr gut aus damit, in zwei Jahren werde ich sie aber beurteilen können.
  
Welches Bild haben Menschen mit Behinderung von den Politikern?
Es sind Leute, die uns unterstützen und helfen, aber manchmal vergessen sie uns. Wir haben darum gebeten die Gesetze zu ändern, zum Beispiel das Wahlrecht. Ich selbst konnte seit ich 18 Jahre alt bin immer wählen, aber anderen Kolleginnen und Kollegen ist das nicht möglich.

Sollten Politiker mehr auf  Menschen mit Behinderung hören?
Ja. Wir haben viel zu sagen, und sie haben es in der Hand, Gesetze zu ändern, die uns daran hindern

Wer ist Ihr Lieblings-Politiker?
Unser Bürgermeister Javier León de la Riva, weil er viel macht und sich immer für Menschen mit Behinderung eingesetzt hat.  Ausserdem hat er dazu beigetragen, dass Valladolid eine schöne Stadt ist.

Und welche Politiker mögen sie nicht?
Alle, die nicht ehrlich sind und nicht für die Bürger arbeiten.

Was halten Sie von der Korruption in der spanischen Politik?
Ich mag das nicht, und ich denke, dem sollte ein Ende gesetzt werden. Aber es gibt auch ehrliche Politiker. Ich zumindest will es sein.

Sollte es nicht normal sein, dass in der spanischen Politik Ratsmitglieder mit Behinderung mitarbeiten?
Ja. Aber ich sehe auch, dass sich nicht alle getrauen, uns auf die Wahlliste zu setzen.  

Glauben Sie, dass mit Ihnen ein Präzedenzfall geschaffen wurde – dass Sie die erste Stadträtin mit Down-Syndrom sind, aber nicht die letzte?
Das hoffe ich und wünsche ich mir, denn wir können alle viel beitragen. Aber es ist sehr schwierig und kompliziert.


Interview:
David Palacios / La Vanguardia
(Übersetzung: Angie Hagmann)