Inhalt


Sexualität und Partnerschaft in der Beratung


Von Daniela v. Raffay
 
Auch mir wurde, insbesondere von meinem Stiefvater, schon seit meinem elften Lebensjahr gesagt, dass ich wohl nie heiraten und Kinder kriegen würde. Daher fand er es besonders wichtig, dass ich das Abitur schaffe, um einmal für mich selbst sorgen zu können.
Dies ist, wie ich in zahlreichen Beratungssituationen feststellte, typisch für die Sozialisation eines behinderten Mädchens. Uns wird ein Leben als Single vorausgesagt.
Selbsthilfegruppen und der Austausch mit anderen Mädchen oder Frauen ist somit für die Identifikation als behinderte Frau lebensnotwendig.

Auf Partnerschaft verzichten?
Es stellt sich gelegentlich die Frage, ob Mädchen/Frauen eventuell lieber auf gelebte Sexualität mit einem Partner/einer Partnerin verzichten, um sich dem Problem der «Praxis» nicht zu stellen.
Eine Frau, die erst vor einigen Jahren eine Multiple Sklerose bekam, erzählte, dass sie lieber keine Brille mehr aufsetzt auf der Strasse, um keine Männer mehr ansehen zu müssen. Sie meint, sich dadurch den Frust ersparen zu können.
Andere lassen die Gefühle, Sehnsüchte nach Berührung und Nähe nicht mehr an sich heran. Sie kompensieren ihre Sehnsüchte mit kulturellen Ereignissen, Musik, Oper, Theater, Reisen usw. Trotzdem wünschen sie sich natürlich auch eine Liebesbeziehung. Daher finde ich es wichtig, grundsätzlich jedes behinderte Mädchen und jede behinderte Frau dazu zu ermutigen, ihren Wunsch nach Liebe und Sexualität als vitale Lebensfreude willkommen zu heissen und ihre sexuellen Bedürfnisse in jeder Beziehung auszuleben.

Natürlich haben nichtbehinderte Frauen/Mädchen oft ebenso Schwierigkeiten, einen Partner/eine Partnerin zu finden. Behinderte Frauen/Mädchen neigen (nicht zuletzt aufgrund ihrer Sozialisation) jedoch dazu, alles auf ihre Körperlichkeit zu schieben. Damit sei nicht gesagt, dass es für Mädchen und Frauen mit Behinderung aufgrund der Vorurteile und Rollenklischees nicht schwieriger ist, einen Partner/eine Partnerin zu finden. Nur kann das eigene Kreisen um die Behinderung auch blockieren.
Im Austausch wie auch in der Beratung hilft es einfach, Beispiele aus Literatur, Film oder dem real existierenden Leben zu erzählen. Das relativiert oft das Gefühl, allein da zu stehen oder zu sitzen. Ich kenne Frauen, die seit Jahren über Annoncen versuchen, jemanden zu finden und sehr unglücklich über ihre Einsamkeit sind. Es gibt aber auch Fälle von geglückten Begegnungen. So diskutieren wir in den Beratungsstunden über Partner/Partnerinsuche auch über Annoncen, über Antwortbriefe, versuchen uns zu unterstützen, trösten uns mit Humor über frustrierende Erlebnisse hinweg.
 
Lesbische Beziehungen
Wenn von Partnerschaft und Sexualleben die Rede ist, wird zumeist «völlig selbstverständlich» von heterosexuellen Interessen ausgegangen. Lesbische Beziehungen sind innerhalb der Behindertenbewegung kein alltägliches Thema. Es gibt sicherlich Schwierigkeiten von behinderten Frauen/Mädchen, sich auch noch als Lesbe zu outen, die Angst vor zweifacher Ausgrenzung mag bei manch einer vorhanden sein.
Ich persönlich wählte den «lesbischen Lebensweg», nachdem ich zwei Jahre lang ein bisexuelles Liebesleben führte. Von meinem Elternhaus her bekam ich das Gefühl vermittelt, «wenigstens mit einer Frau soll sie glücklich werden, wenn sie keinen Mann bekommt». Doch selbst diese (immer noch abwertende) Einstellung ist wahrscheinlich eher die Ausnahme, wenn ich mir die lesbischen Coming-out-Geschichten anderer Frauen mit Behinderung anhöre. Je nach dem Unterstützungsbedarf und somit dem Grad der Abhängigkeit der Mädchen oder Frauen von den Eltern, können diese dabei einen enormen Druck auf ihre Töchter ausüben. Je nach Einstellung der Eltern gibt es dann viele Möglichkeiten, diese Beziehung zu erschweren, wenn nicht gar zu verhindern.

Erschwerte Partnerschaft im Heim
Frauen, die mit Assistenz oder in einem Heim leben, haben entsprechend mehr Probleme, sich zu ihrer Liebe zu Frauen zu bekennen und ihre Sexualität auszuleben. In Einrichtungen wird zwar inzwischen immer öfter eine Partnerschaft geduldet oder sogar unterstützt, dann aber in jedem Fall eine heterosexuelle. Die Möglichkeit einer lesbischen Partnerschaft wird in der Regel weder erklärt noch dargestellt und schon gar nicht unterstützt. Sie ist auf offizieller Ebene nicht existent.
Auch bei Assistenzbedarf können sich unhaltbare und sehr belastende Situationen ergeben. Abgesehen von abfälligen Bemerkungen und herablassendem Verhalten berichten Frauen, dass ihre Assistenten sie einfach nicht zu entsprechenden Treffen oder Feiern brachten, oder sie in der «Lesbenkneipe» wortwörtlich sitzen liessen, sie einfach nicht wieder abholten. Die Suche nach geeigneteren Assistenzpersonen ist nicht immer einfach, negative Einstellungen gegenüber lesbischer Lebensweise sind immer noch weit verbreitet. Und in der Zwischenzeit kann frau ja nicht einfach auf Assistenz verzichten.
 
Insgesamt kann ich nur raten, den Kontakt zu anderen behinderten Lesben zu suchen. Es gibt Kontaktnetzwerke und Treffpunkte in Städten. Leider werden Frauen in Einrichtungen seltenst die Möglichkeit haben, zu solchen Treffen zu kommen (wenn sie überhaupt davon erfahren), und auch für Frauen mit Assistenzbedarf bestehen unter Umständen grössere Schwierigkeiten. Sie sind somit verstärkt auf Kontakte vor Ort angewiesen.
In der Literatur sind Geschichten von behinderten Lesben sehr rar. Die Bücher der Schweizerin Ursula Eggli (siehe Seite Bücher auf www.avantidonne.ch) kann ich wärmstens empfehlen.

Zufriedenheit und Probleme in der Partnerschaft 
Und wie sieht es in der Partnerschaft aus? Äussern behinderte Frauen/Mädchen weniger ihre Unzufriedenheit in Beziehungen, aus Angst, verlassen zu werden? Täuschen behinderte Frauen/Mädchen häufiger einen Orgasmus vor?
Ich denke letztlich kommen beide Problematiken bei Nichtbehinderten genauso vor. Wir müssen in der Beratungssituation versuchen, die Position der Frau/des Mädchens zu stärken, sie ermutigen, sich mit anderen auszutauschen, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen. Über die Identifikation mit anderen Frauen oder Mädchen bekommt sie die Unterstützung und Stärke, sich in ihrer Partnerschaft offen auszudrücken.
Ein anderes Problem, das in einer Partnerschaft auftauchen könnte, ist das Gefühl als «pervers» zu gelten, weil (aufgrund der Behinderung) keine «gängigen» Sexualpraktiken gewünscht werden. Ich kann als Lösungsstrategie keine allgemein gültige Regel ansetzen. Es gilt jedoch auch hier, dass ein offener Umgang und der Austausch mit dem Partner/der Partnerin die Grundlage bilden. Oft hören sich scheinbar anormale Praktiken gar nicht mehr so abwegig an, wenn sie miteinander besprochen werden.

Peer-Counselling  
Ich persönlich machte vier Jahre lang eine Gestalttherapie bei einer ebenfalls gehbehinderten Therapeutin, die mir viel Kraft und Selbstvertrauen gab, um mit Schwierigkeiten in meiner Beziehung klarzukommen. Deshalb würde ich gegebenenfalls auch in einer Beratungssituation auf der Peer-Counseling-Ebene durchaus zu einer passenden Therapieform raten. Ich denke nicht, dass ich unbedingt, nur weil ich selbst auch behindert bin, zu allen Themen einen befriedigenden Rat oder Tipp geben kann. Oft helfen auch nur intensive Gespräche über einen längeren Zeitraum hinweg, die in dieser Intensität in der Beratung nicht geleistet werden können.

Männer mit «Vorliebe» für behinderte Frauen
Zum Abschluss des Themas Partnerschaft noch ein paar Worte zu Männern, die eine besondere «Vorliebe» für Frauen mit Behinderungen haben.
Über Annoncen, über Internet oder auf anderen Wegen versuchen sogenannte Amelotatisten behinderte Frauen kennenzulernen. Diese Männer haben eine Vorliebe für Frauen mit Behinderung, vor allem für Frauen mit Amputationen, aber auch mit Lähmungen. Amelotatisten fühlen sich sexuell stimuliert und erregt von fehlenden Gliedmassen und Einschränkungen der Beweglichkeit. So erzählte mir eine beinamputierte Freundin von dem Kontakt mit einem jungen Mann, der ihr erklärte, dass er jahrelang mit einer nichtbehinderten Frau zusammengewesen sei, aber immer Phantasien von amputierten Frauen beim Sex hatte. Auch tauschen Amelotatisten gegen Geld z.B. Fotos von Sportlerinnen (Behindertenolympiade usw.) aus, um sich daran hochzuziehen. Es ist deutlich, dass es diesen Männern nicht um die jeweilige Person geht, sondern dass die Behinderung als Fetisch dient. Es gibt sicherlich viele Erklärungsmuster für dieses Phänomen. Eines kann jedoch als erwiesen gelten: Amelotatisten sind in der Regel nicht an einer längeren Liebesbeziehung mit der behinderten Frau interessiert, sondern sie suchen ihren «sexuellen Kick».
In der Beratungssituation würde ich sehr vorsichtig damit umgehen, wenn sich abzeichnet, dass die behinderte Frau von jemandem mit dieser «Vorliebe» angemacht wird. Es kommt natürlich vor, dass die behinderte Frau meint, dass sie dann wenigstens über diese Ebene zu einer sexuellen Beziehung kommt. Es fragt sich nur, ob dies auf Dauer zu einem befriedigenden Sexualleben führen kann, von einer Liebesbeziehung ganz zu schweigen.